Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 19-20 (10.7.1919)
- Article
- Esther
- Date
- 1919-07-10
- Page
- Seite 440 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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438 ist fertig und übergibt mir die paar Worte, die er geschrieben hat. „Out Jontew, Rebbe!" rufe ich ebenso stürmisch wie bei meinem Kommen: „Ich wünsche Euch auch den nächsten Pursm zu erleben!" Und ich die nach Hause. Wie ich schon draussen bin, holt mich Esther ein. Sie hat verweinte Augen und sagt wütend: „Hier! Diesen Brief sollst du deinem Bruder bringen!" Unterwegs mache ich zuerst den Brief des Rebbens auf. Der Rebbe geht vor. Der Brief lautet: „Mein lieber und treuer Schüler Mordchai, dein Licht möge leuchten! Ich danke dir vielmals für die Schalachmones, die du mir geschickt hast. Im vorigen Jahr und vor zwei Jahren hast du mir richtige Schalachmones geschickt, und heuer schickst du mir eine neue Auslegung der Megille. Also danke ich dir für die Megille. Ich muss dir aber sagen, Motel, dass deine Auslegung mir gar nicht gefallt. Erstens bedeutet ,Schuschan hablro' — »Hauptstadt* und nicht ,unser Städtchen*. Zweitens möchte ich gerne wissen, wo es geschrieben steht, dass iMordchai ein Jüngling wjar? Und warum nennst du ihn ,Motel'? Warum diese Vertraulichkeit? Und wo hast du es her, dass ,ejmejn' — >er liebte* bedeutet? ,Ejmejn* bedeutet ,er erzog'. Und wenn du ,wajamlicheho tachas Watschi'4) mit ,und führte sie unter die Chuppe' übersetzt, so ist es glatter Unsinn. Erstens bezieht sich das Wort ,wajamIicheho' auf Achaschwerosch und nicht auf Mordchai; und zweitens wird in der Megille nirgends erwähnt, dass Achaschwerosch Esther unter die Chuppe führte. Es ist wirklich keine Kunst, einen Vers aus der Schrift zu nehmen und ganz sinnlos zu verdrehen. Jede Auslegung inuss doch einen Sinn haben. Im vorigen Jahre und vor zwei Jahren hast du mir etwas anderes geschickt. Heuer ist dar eingefallen, deinem Rebben eine neue Auslegung der Megille zu schicken, und eine verrückte dazu. Nun, wahrscheinlich muss es so sein. Ich schicke dir darum deine Megille wieder zurück, und möge dir Gott ein gutes Jahr geben. Das wünscht dir dein Rebbe." Da3 trennt man eine Ohrfeige! Ganz recht geschieht es meinem Bruder. Ich glaube, dass er nie wieder solche Megilles schreiben wird. Nachdem ich des Rebbens Brief erledigt hatte, musste ich ja auch nachschauen, was sie, das heisst des Rebbens Tochter Esther meinem Bruder schreibt. Wie ich ihren Brief öffne, fallen die zwei Rubel heraus. Was soll das heissen?! Und ich lese den Brief; es sind im ganzen zwei Zeilen: „Motel, ich danke dir für die zwei Rubel. Du kannst sie wieder haben. Solche Schalachmones habe ich von dir nicht erwartet. Ich verlange keine Geschenke von dir, und Geldgeschenke erst recht nicht... Was sagt ihr dazu? Sie verlangt keine Geldgeschenke! Eine schöne Geschichte, so wahr ich Jude bin! Was soll ich nun tun? Ein anderer an meiner Stelle hätte wohl die beiden Briefe vernichtet und die zwei Rubel eingesteckt. Zwei Ohrfeigen hätte Motel statt der zwei Rubel bekommen! Aber ich bin nicht so einer----Ich habe mir etwas Schöneres ausgeheckt. Gleich werdet ihr es hören. > Ich sagte mir nämlich: Die Be- 4) „Und er machte sie zur Königin statt Waschti."