Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 19-20 (10.7.1919)
- Article
- Esther
- Date
- 1919-07-10
- Page
- Seite 439 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2908689-2908735-2908749-2911984--2610-2912038- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Vashti 1× ep/1007377
OCR text
437 Ich möchte einmal in den Brief hineinschauen. Nur hineinschauen. Ich werde doch von ihm nichts abbeissen ..Und ich mache den Brief an Esther auf und lese ihn durch. Kört nur, vfes er ihr schrieb. Ich gebe es Wort für Wort wieder: „Von Mordchai an Esther.8) „Jisch — ein Mann, Jehudi — ein Jüngling, hojo — lebte, beschuschan habiro — in unserm Städtchen, uschmej Mordchai — und sein, Namen war Motel.8) Wajhi .ejmen — und er liebte, Esther — Esther. Wehanaaro — und das Mädchen, jejfas tejar — v/ar schön von Angesicht. Watitew hanaaro — und das Mädchen gefiel ihm. Lej higido Esther — Esther sagte es niemand, ki Mordchai — weil Mordchai, zowo oleho — ihr angesagt hatte, (ascher lej sagid — sie solle es niemand sagen. Uwcchol jejm wojejm — Und feden Tag, Mordchai mis'halejch — kommt Motel vorbei, lodaas es scholejm Esther — um einen Blick auf Esther zu werfen. Uwehagia tejr Esther — und wenn für Esther die Zeit kommt, bas Awichajil — zu heiraten, watilokach Esther — wird er Esther nehmen, wajamlicheho — und er wird sie führen, tachas Waschti — unter die Chuppe." Was sagt ihr zu einer solchen Uebersetzung der Megille? Ich bin wirklich neugierig, was der Rebbe dazu sagen wird. Aber wie soll ich das machen? Halt! Ich weiss schon Rat, so wahr ich Jude bin! Kch werde die beiden Megilles vertauschen: das Oedicht für den Rebben v/erde ich Esther geben, und die Megille für Esther — dem Rebben. Soll er seine Freude haben. Und wenn es einen grossen Krach geben wird? Nun, was kann ich dafür? Kann denn nicht jedem so ein Versehen unterlaufen? Es kommt ja vor, dass der richtige Briefträger von der Post einen Brief überhaupt nicht abliefert. So etwas kann aber bei mir nie vorkommen, ich bin nicht so einer IV. „Gut Jontew, Rebbe!" schreie ich, ins Zimmer stürzend, so laut, dass der Rebbe erschrocken zusammenfährt. „Mein Bruder schickt Euch Schalachmones und wünscht Euch auch den nächsten Purim zu erleben!" * Und ich gebe dem Rebben die Megille. Mein Rebbe entfaltet sie, schaut hinein und wendet den Brief nach allen Seiten. Er scheint etwas zu suchen____ „Such, such," denke ich mir, „du wirst nichts finden-..." Und mein Rebbe setzt sich die silberne Brille auf, liest die Megille durch und verzieht nicht einmal das Gesicht. Er seufzt nur leise auf. Und dann sagt er zu mir: „Wart eine Weile, ich will dir gleich ein paar Worte für ihn mitgeben." Und er nimmt Tinte und Feder und beginnt die „paar Worte" zu schreiben. Indessen gehe ich durch die Stube, lasse mir von der Rebbezin einen Lebkuchen schenken und drücke Esther heimlich v das für den Rebben bestimmte Gedicht mit den Schalachmones,' in idie Kand. Sie errötet, geht in einen Winkel, öffnet den Brief und beginnt zu lesen. Plötzlich flammt sie wie ein Licht auf, und ihre Augen brennen. „Sie ist wohl mit den Schalachmones nicht zufrieden!" denke ich mir. Der Rebbe 2) Im folgenden Brief ist der hebräische Text dem Buche Esther entnommen (2. Kap.), die Uebersetzung ist natürlich parodistisch. 3) Motel ist eine Akkürzung von Monochai.