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Neue jüdische Monatshefte · 1919-07-10 · Heft 19-20 (10.7.1919) · p. Seite 441

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 19-20 (10.7.1919)
Article
Esther
Date
1919-07-10
Page
Seite 441 (sequence 5)
Language
German
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439 Zahlung für den Gang habe ich ja schon von Motel bekommen, — was brauche ich ihn noch? Und ich gehe hin und gebe beide Briefe dem Vater, Ich möchte gerne hören, was Vater dazu sagt. Er wird die A4cgille wohl besser als der Rebbe verstehen, obwohl der Vater nur <ein Vater, und der Rebbe ein Rebbe ist.... V. Fragt mich gar nicht, was sich abspalte, als Vater die beiden Briefe und die Megille gelesen und meinen Brüder Motel ins Gebet naüim. Wenn ich wiedergeben wollte, wie sich mein Bruder Motel verteidigte, müsste ich in der traurigen Melodie der Megille beginnen: „Aber die Stadt Schuschan ward irre...."6) Aber nicht das ist die Hauptsache. Ihr wollt wohl das Ende wissen, was ta't der Tochter meines Rebbens und mit meinem Bruder Motel weiter geschah? Was sollte noch geschehen? Gar nichts. Esther hat geheiratet. Einen Witwer hat sie zum Mann bekommen. Ach, wie weinte sie da! Ich iwar selbst bei der Hochzeit. Weshalb sie so weinte, weiss ich nicht. Sie hatte wohl eine Vorahnung, dass sie in dieser Ehe nicht alt werden würde. Und so war es auch. Sie starb schon nach einem halben Jasir. Woran sie gestorben ist, kann ich euch nicht sagen, denn ich weiss es nicht. Niemand weiss es. Auch der Rebbe und die Rebbezin wissen es nicht. Die Leute sagen, dass sie sich vergiftet hat. Aber das ist nicht wahr. Böse Menschen haben es erfunden. So behauptet die Rebbezin. Und mein Bruder Motel? Ach, er hat schon früher geheiratet, noch vor Esthers Verlobung. Und er zog in die Stadt, wo sein Schwiegervater wohnte. Aber er kam bald wieder zurück. Und zwar allein, ohne die Frau. Was ist los? Er will sich scheiden lassen. Sagt ihm der Vater: ,,Du bist ein Wildesel!" Will es Mutter nicht leidenf dass Vater ihn so nennt. Nun zanken sich die Eltern schon wieder. Es half aber alles nichts. Motel liess sich von ihr scheiden und nahm eine andere. Er hat schon zwei Kinder. Einen Jungen und ein Mädchen. Der Junge heisst Herzl, dem Doktor Herzl zu Ehren. Das Mädchen heisst Esther. Der Vater wollte zwar, dass sie Gitel heisse, und Mutter flehte ihn an, dass er sein Kind Lee nenne zum Andenken an ihre Mutter und unsere Grossmutter Lee. Vater und Mutter zankten sich wieder. Eine ganze Nacht und einen ganzen Tag zankten sie sich. Schliesslich einigten sie sich auf Lec-Gitel, zum Andenken an die. beiden Grossmütter. Das war aber noch nicht das Ende. Vater erklärte plötzlich, man solle das Kind nicht Lee- Gitel, sondern Gitel-Lee nennen: „Warum soll der Name deiner Mutter zuerst stehen?" Kommt in diesem Augenblick mein Bruder Motel aus der Schul heim, und sagt, dass er seinem Kind schon den Namen Esther gegeben hat. Sagt ihm der Vater: „Wildesel! Wo hast du den Namen Esther her?" Antwortet Motel: „Du hast wohl vergessen, dass wir bald Purim haben?" Nun, was kann man ihm darauf sagen? Jedenfalls hatte die Sache ein Ende. Vater sagte ihm nicht mehr „Wildesel". Vater und Mutter blickten einander so merkwürdig an und schwiegen. Was diese Blicke und dieses Schweigen zu bedeuten hatten, weiss ich nicht. Vielleicht wisst ihr es? (Deutsch von Alexander Eliasberg) *) Esther, 3,15.

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