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Neue jüdische Monatshefte · 1919-07-10 · Heft 19-20 (10.7.1919) · p. Seite 438

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 19-20 (10.7.1919)
Article
Esther
Date
1919-07-10
Page
Seite 438 (sequence 2)
Language
German
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436 dem Abendgebet. Er tat so, als ob er in die Schul ginge und sich unterwegs zu uns in den Cheder verirrt hätte. „Wo ist der Rebbe?" — „,Der Rebbe ist nicht da." Und er kommt näher und gibt ihr, das heisst Esther die Hand. Ich stehe dabei und sehe es. Zieht sie ihre Hand fort. Gibt er mir einen Groschen, damit ich es niemand erzähle. Verlange ich zwei Groschen. Gibt er mir zwei. Sage ich: drei. Oibt er mir drei. Was glaubt ihr? Hätte ich vier Groschen verlangt, so hätte er mir auch vier gegeben. Auch fünf und sechs! Aber ich bin nicht so einer Und einmal passierte diese Geschichte.... Aber genug Geschichten! Ich will euch lieber die eigentliche Geschichte* erzählen, die ich euch versprochen habe. II. :> Mein Bruder Motel ist, wie gesagt, erwachsen. Er lernt nicht mehr im Cheder. Und zu Hause lernen will er auch nicht. Darum nennt ihn unser Vater „Wildesel". Einen anderen Namen hat er für ihn nicht. Der Mutter passt es gar nicht, und sie pflegt zu sagen: „Was ist das für eine Manier? Wie kann man nur einen erwachsenen Burschen, der bald heiraten wird, einen Wildesel nennen?!" Sagt Vater: „Er ist aber doch ein Wildeselt" Zanken sie sich. Ich weiss nicht, wie es die andern Eltern treiben, Meine Eltern hören niemals auf, sich zu zanken, weder bei Tag noch bei Nacht l Wenn ich euch erzählen wollte, wie meine Eltern sich zanken, wurdet ihr euch krank lachen, aber ich bin nicht so einer ... Mein Bruder Motel lernt also nicht mehr im Cheder, Er vergisst aber niemals, dem Rebben zu Purim Schalachmones1) zu schicken. Er war ja einmal ein Schüler. Schickt er ihm ein schönes hebräisches! Gedicht, mit einem Mogen-Dowid verziert, und zwei Papierrubel dazu. Durch wen schickt er dieses Geschenk? Natürlich durch mich. Sagt mir mein Bruder Motel: „Bringe dies Schalachmones dem Rebben. Und wenn du zurückkommst, kriegst du von mir zehn Groschen." Zehn Groschen sind zwar eine recht nette Summe. Aber ich will, sage ich, das Geld im voraus haben. Sagt mir mein Bruder, dass ich ein frecher Bengel bin. Sage; ich: „Es ist möglich/' sage ich, „dass ich ein frecher Bengel bin, ich will mit dir darüber nicht streiten. Aber ich will das Geld gleich auf der Stelle haben." Wer von uns, glaubt ihr, hat seinen Willen durchgesetzt? Er zahlt mir also die zehn Groschen und gibt mir das Schalachmones für den Rebben — einen versiegelten Brief. Und wie ich schon gehen will, drückt er mir noch einen Brief in die Hand und sagt leise: „Und das! wirst du Esther übergeben ..." — „Esther?" — „Ja, Esther____" Ein anderer an meiner Stelle hätte dafür eine doppelte Bezahlung verlangt, aber ich bin nicht so einer .... i'U , III. „Schöpfer der Welt!" denke ich mir, während ich zum Rebben gehe: „Was kann mein Bruder der Tochter meines Rebbens schreiben? *) Schakchmones-Geschenke, die man am Purim austauscht. Die Sitte ist schon im Buche Esther 9,19 erwähnt.

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