Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 19-20 (10.7.1919)
- Article
- Judentum - Sozialismus - Christentum
- Date
- 1919-07-10
- Page
- Seite 417 (sequence 4)
- Language
- German
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415 philosophische Konstruktion, der man ebensowenig idealistischen Schwung wie psychologische Richtigkeit absprechen kann. Er kennzeichnet hier den Bolschewismus als eine vor allem aufs Aeussere und Oekonomische gerichteten Reformismus und erklärt daraus nicht mit Unrecht alle die Exzesse der Bolschewisten. Er rechnet aber den Materialismus nicht diesen allein zur Schuld zu, sondern erblickt mit ihr — mit ebensoviel Recht — ein allgemeines Kennzeichen unseres Zeitalters, das auch bürgerlichen Kreisen jn weitestem Masse eigen ist; er verschont auch die christlichen Kirchen nicht mit dem Vorwurf der Veräusserlichung und Verflachung. Indem er aber alledem das Christentum als die Religion der inneren Einkehr, als die wahre, tiefste und heilsamste Reform entgegenstellt, wird ihm unter der Hand zum anderen Gegenpol, zum höchsten Symbol! und intensivster Verkörperung des zeitgenössischen Materialismus der „judische" Sozialismus. Man wird gar manchem Grundgedanken dieser Geschichtskonstruktion: zustimmen müssen. Man wird vor allem zugeben müssen, dass der Materialismus der modernen revolutionären Bewegung für die Zuchtlosigkeit vieler ihrer Träger, wie für die Verflachung und Veräusserlichung der Bewegung selbst mitverantwortlich ist. Man wird es überhaupt als Utopie bezeichnen müssen, zu glauben, dass der Mensch ausschliesslich auf äusserem Wege reformiert werden kann und muss. Es ist bemerkenswert, dass auch hervorragende russische Denker in ihrer bekannten antirevolutionären Sammelschrift Wjechi5) die gleiche Antithese: Christentum — Sozialismus aufgestellt haben. Darum aber, dass (die Juden einen so überaus tätigen Anteil an den modernen sozialen und revolutionären Bewegungen nehmen (eine Erscheinung, die auch Cossmann, stark betont), darum können wir doch die gescliichtsphilosophische Antithese : Christentum gegen jüdischen Sozialismus als Materialismus nicht akzeptieren. Gewiss ist Marx der Schöpfer des ökonomischen Materialismus, gewiss besitzen die Juden bedeutende Handelsfähigkeiten und gewiss, endlich, haben sich auch manche jüdischen Bolschewiki — wie ihre russischen Kollegen — den Bolschewismus zum Mittel persönlicher Bereicherung gemacht — aber mit alledem hat der jüdische Sozialismus nicht zu tun. Schon seine Entstehung in den jüdischen Massen ist kennzeichnend. „Der Sozialismus kam in die jüdische Gasse, noch che er für sie eine Notwendigkeit war" (Die Selbstwehr, Prag). Man kann sagen, der jüdische Sozialismus in Russland ist nicht sowohl unter den jüdischen Industriearbeitern, als unter den Handwerkern und Akademikern geboren. Kein Geringerer aber als Marx hat den tiefen ideologischen; Zusammenhang durchschaut, der zwischen dem Handwerkertum und dem sozialen Utopismus, dem für ihn so verächtlichen idealistischen Utopismus, besteht. Für diese Volksmassen wurde der Sozialismus zu einem Licht, das ihr Ghettodasein erhellte. „Das Volk, so in der Dunkelheit wandelt, sah grosses Licht, über die Bewohner des Landes 5) Deren markanteste Partien ich unter dem Titel: Russlands politische Seele im Verlag S. Fischer im vorigen Jahre herausgegeben liabe.