Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 19-20 (10.7.1919)
- Article
- Judentum - Sozialismus - Christentum
- Date
- 1919-07-10
- Page
- Seite 416 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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414 unter den Juden den Boden für den Sozialismus so urbar machen, nicht, übersehen wenden, In erster Linie muss hier auf den eben erwähnten Kosmopolitismus hingewiesen werden, der uns den Schlüssel gerade zu dem aufgeworfenen Problem der sozialistischen Aktivität der Juden in allen Länderai gibt. Dass dieser Kosmopolitismus eine organische Folge' der historischen Lage der Juden bildet — nicht nur ihrer Vergangenheit, sondern auch ihrer Diaspora in der Gegenwart und ihrer immer noch unvollständigen, und vielleicht auch in alle Zukunft nie vollständig möglichen äusseren und inneren Assimilation mit den Wirtsvölkern, kurz die Folge der Anormalität ihrer nationalen Existenz ist, darüber, dünkt mich, braucht man sich nicht weiter zu verbreiten. Wir sehen hier aber, wie eng der Sozialismus der Juden mit der jüdischen Nationalfrage und ihrer Lösung zusammenhängt, und wir können vielleicht annehmen, dass dieser jüdische Sozialismus in umgekehrtem Verhältnis mit dem gesunden, d. h. autochtonen jüdischen Nationalismus der Zukunft steht. Einen nicht weniger günstigen Boden für die Verbreitung sozialistischer Ideen stellen der Unhistorismus und der Rationalismus dar. Auch sie sind Folgen der geschichtlichen Lage des jüdischen Volkes. Aber diese Folgen sind mit der Zeit in Fleisch und! Blut übergegangen, haben den Grad einer ursprünglichen „Mentalität" erreicht. Ist es nicht für diesen Unhistorismus und Rationalismus bezeichnend, dass — wie jetzt zu beobachten reichlich Gelegenheit ist — schon vor der Errichtung des Palästinastaates von den Juden bis ins einzelne gehende Pläne staatlichen und wirtschaftlichen Lebens heftig diskutiert werden, obwohl der gesunde Menschenverstand sagt, dass man der spontanen, organischen Entwicklung doch auch Raum lassen muss, dass allzugrosse Regelung und Einschnürung dem wirtschaftlichen' Leben eines Staates eher schaden, denn nützen wird? Diese historischen und psychologischen Gründe erklären uns aber nicht nur, warum der Sozialismus auf die Juden eine Anziehungskraft, sondern auch, warum er auf sie eine so grosse Anziehungskraft ausübt. Denn in keinem anderen Volke sind Kosmopolitismus, Urhistorismus und Rationalismus so stark wie unter den Juden verbreitet. Der Umstand aber, der so viele Juden in allen Ländern an die Spitze der revolutionären Bewegung befördert, ist derselbe, der sie an die Spitze der Journalistik, des .Theaterwesens, des Handels, der Wissenschaft befördert. Es handelt sich also hierbei nicht um eine inhaltliche, qualitative, sondern um eine biologische Eigenschaft. Diese Eigenschaft ist die grössere Impul-* sivität, Erregbarkeit, Reagibilität, oder wie man den fraglichen psychophysischen Komplex auch anders bezeichnen mag. 11. Von, der grobschlächtigen Plattheit wie von der absurden Phantastik der Liekschen Broschüre gleicherweise entfernt, entwirft der bekannte Herausgeber der Süddeutschen Monatshefte, Prof. Paul Nikolaus Coss mann, in dem letzten Heft dieser Monatsschrift in einem „Bolschewismus und Christentum" betitelten Aufsatz4) eine geschichts- <) April 1919, S. 75 ff.