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Neue jüdische Monatshefte · 1919-07-10 · Heft 19-20 (10.7.1919) · p. Seite 415

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 19-20 (10.7.1919)
Article
Judentum - Sozialismus - Christentum
Date
1919-07-10
Page
Seite 415 (sequence 2)
Language
German
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413 Lüge" bezeichnen. Man muss aber weiterhin, wie hier schon einmal geschehen ist,8) dem Vorwurf des jüdischen Kosmopolitisniiis nicht feige ausweichen,sondern-~abgesehen von dem daneben bestehenden, ja in efocm Lande wie Russland geradezu verwunderlichen Patriotismus der Juden — diesen Kosmopolitismus^ (natürlich im ideellen Sinne und nicht im Sinne der von der alldeutschen Phantasie geschaffenen internationalen Verschwörung) unumwunden zugeben und nur das. bedauern, dass er auch anderen Völkern nicht in dem gleichen Masse innewohnt — denn dann wäre die Weltkatastropheund mit ihr der Zusammenbruch Deutschlands — vielleicht nicht gekommen.- Auf das übrige übliche Gewäsch der Alldeutschen einzugehen, verlohnt sich nicht. Es ist nur das Symptom interessant, dass selbst die grössten Erschütterungen menschliche Dummheit, Aberglauben, und eingefleischte Meinungen nicht auszurotten vermögen; im speziellen — wenn wir, was wohl begründet ist, die Stärke des Alldeutschtums als das Barometer der politischen Reife des deutschen Volkes betrachten, stellt seine UnwandeFbarkeit dieser letzteren nach wie vor ein ungünstiges Zeugnis aus. Trotz alledem müssen aber auch wir Juden zugeben und wohl mit Bedauern zugeben, dass der Anteil der Juden an der modernen revolutionären Bewegung zu gross ist. Denn wenn wir auch wissen, dass es kein bewusstes Sich - Aufdrängen, sondern vielmehr ein immanenter, ja zum. Teil, wie wir gleich sehen werden, biologischer Prozess ist, der die Juden an die Spitze dieser Bewegung hebt, wenn wir also, sage ich, eine kausale Erklärung für diese Erscheinung finden können, so widerstrebt sie doch unserem Werturteil, so verletzt sie doch unser eigenes Taktgefühl. Um so stärker wird aber für uns und für andere der Drang, diese Erscheinung zu verstehen. Das Problem also, das gelöst werden soll, ist das: warum zieht es so viele Juden zum Sozialismus? Es zerfällt offenbar in zwei Bestandteile, einen inhaltlichen oder qualitativen: warum zieht es die Juden zum Sozialismus? und einen quantitativen: warum zieht es so viele Juden zu ihm? Die erste Frage beantwortet sich zum Teil aus denselben Gründen, die auch bei allen anderen Völkern wirksam sind: die Adepten des Sozialismus rekrutieren sich hier wie dort aus Arbeitern einerseits, aus dem intelligenten Proletariat andererseits — man kann also hier im letzten Grunde von einer sozial-ökonomischen Erscheinung sprechen; man kann ferner noch einen engeren ParalleHsmus zwischen der „Sozialisierung" der Juden und ihrer Wirtsvölker wahrnehmen, ganz besonders in Russland, wo der ideelle Nährboden des Sozialismus — der Kosmopolitismusi in der national-russischen Mentalität stark verwurzelt ist (man weiss, wie die Idee des „Allmenschlichen" nicht nur in der sozialistischen, sondern auch in der nationalen russischen Literatur vielfachen Ausdruck findet) und dadurch auf den den Juden von jeher innewohnenden Kosmopolitismus eine rückwirkende Kraft ausübt. Aber daneben dürfen doch die spezifischen Ursachen, die s) Siehe meinen Aufsatz Der Dualismus der Judenfrage, Neue Jüdische Monatshefte, Heft 3—5, 1918, S. 79.

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