Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Monatshefte · 1919-07-10 · Heft 19-20 (10.7.1919) · p. Seite 412

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 19-20 (10.7.1919)
Article
Sozialismus und Judentum
Date
1919-07-10
Page
Seite 412 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2908689-2908735-2908749-2911978--2572-2912011
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

410 3. Die sozialistische Neuorientierung und der nationale Oedanke ,/ Die Erhaltung der jüdisdien Gemeinschaft kann, — und das gezeigt zu haben, ist das Verdienst des wundervollen Kiatzk in sehen Buches „Jüdische Probleme", — nicht durch den Abglanz unserer heutigen Religionsverfassung sicher gestellt werden. Hier soll auf dieses Gebiet nicht gefolgt werden, Bleibt nur die berühmte Debatte über die jüdische Nationalität (besser Blutsgem'einschjaft). Die' Konservierung unserer nationalen Eigenart ist gleichfalls recht strittig, wenn .wir auf ihre Erhaltung hoffen, dann müssen wir vorsichtig sein. Leider waren im Sozialismus Reize enthalten, welche die Struktur des Judentums zersetzten, Vorgänge, die wir in dem historischen Kjapitel der Einleitung andeuteten. Wieweit nun der sozialistische Staat die Sabbatruhe, die Feiertage, die jüdische Erziehung der Kinder (insbesondere in eigenen Volksschulen), kurz alles jüdische gestattet, inwieweit er geistig die Intelligenz unserer Gemeinschaft anzieht und sie der Gemeinschaft entfremdet, lässt sich nicht sicher vorbestimnien. Der christliche Staat war seinem Wesen und seiner Idee nach genötigt, eine antijüdische Politik zu betreiben. Zurzeit trennen sich die Wege: Auf der einen Seite steht die nationaMeutschle Partei, welche den alten Zustand wiederherzustellen wünscht, auf der anderen Seite die radikale sozialistische Bewegung, welche die Freiheit des Individuums in religiöser und nationaler Hinsicht fordert. ■ Die jüdische Geschichte kennt oftmals Zeiten nationaler Duldung, Zu erinnern ist daran;, dass die Zeitgenossen Spinozas (und Baruch selbst) ihre spanischen und portugiesischen Gedichte schrieben und ihre drei fremden Sprachen pflegten (Hebräisch, Spanisch und Portugiesisch), sich um die holländische Sprache und Kultur fast gar nicht kümmerten, während sie ihre volle Emanzipation anstrebten und im Jahre 1658 (also 2 Jahrhunderte früher als bei uns) erhielten. In der Türkei und in Amerika und anderwärts befinden sich jüdische Volksteile, die sich sprachlich, religiös und kulturell von der Umgebung differenzieren ohne dadurch in ihren Staatsbürgerrechten beeinträchtigt zu werden. Wer nun an einen Fortschritt und nicht an einen Rückschritt glaubt, wird die 'Möglichkeit nicht bezweifeln, dass der Völkerhass ähnlich dem Glaubens- Ihass an Intensivität verlieren wird. In der jüdischen Auffassung ist der Glaube gelegen. Im Sozialtsmus ist er vorerst theoretisch fest fixiert. Stets und ständig wird gerade von jüdischer Seite auf die geschichtliche Auswirkung alldt jüdisthen Grössen, die von Moses bis Herzl ßozialistisdi gedacht und gearbeitet haben, hingewiesen und bewiesen, dass Sozialismus, eigentlich mir in der Linie der jüdischen Hoffnungen liege, dass alle Probleme des Sozialismus ihren Urgrund Im jüdischen Schrifttum und die Hauptrepräsentanten in jüdischen Köpfen besassen, die ihr Leben wie jüngst Rosa Luxemburg, Landauer, Eisner und Leyine dafür opferten. Danach wäre eine so nahe ideelle Verbindung zwischen "beiden, dass die Brücke nur offiziell geschlagen werden müsste. Ob eine Brücke oder nur eine Fähre, eine Verbindung muss hergestellt wer-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.