Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 19-20 (10.7.1919)
- Article
- Sozialismus und Judentum
- Date
- 1919-07-10
- Page
- Seite 411 (sequence 5)
- Language
- German
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409 des Kapitalismus macht. Zum Herrn, weil er vom nervus rerum getragen der Misere des Lebens besser begegnet, im Besitz aller möglichen Güter statt der Not Freude und Genüsse eintauscht und zum Sklaven, weil er in seinem Wohl beschränkt seine erotischen Gefühle unterdrückt und dort, wo nur sexuelle Reize ihn binden sollten, äussere Umstände auf seine Eheschliessung einwirken lässt. Zum Sklaven ferner, weil er sein subjektives Wohl dem Kollektiven voraussetzt. Und so kommt es, dass der vierte Teil der jüdischen Grosstadtbevötkerung eheltos bleibt, weil sie zumeist aus ökonomischen Gründen ehe- und kinderlos ihr Leben verbringen. Vermöge ihrer, wenn auch beschränkten Mittel können die Junggesellen sich Liebe-Ersatz kaufen oder mit anderen in ihrer Klasse Enterbten ein Bündnis auf Zeit schliessen. Denn das Liebesverhältnis kann recht billig gehalten sein, während die Heirat eine bessere substantielle Notlage von dem erfordert, wer in unserer Zeit Verantwortlichkeitsgefühl für das Auskommen der Seinen hat. (Ueber das jüdische Familien:.-.Verantwortiichkeitsgefühl wäre hier mancherlei noch zu bemerken.) In einer Reihe von Arbeiten habe ich nachgewiesen, wie die Zukunft der westeuropäischen Judenzeit von der allgemeinen Wirtschafts tage zur Aufgabe der Fortpflanzung weiter Kreise gebracht wird. Nur Blinde können diese empirische Und durch Statistiken zu belegende Tatsachen, leugnen. Ich gestehe offen, dass mir früher ein Palliativmittel schwer zu finden schien, dass ich der jüdischen Gemeinschaft nicht die Möglichkeit zutrauen konnte, den gewaltigen wirtschaftlichen Einflüssen, welche der Kapitalismus Nauslöst, erfolgreich das Wasser abzugraben. Frühehe und die damit bequem mögliche Zahl von 2—3 Kindern für jedermann sind Lebensformen, dije sich jetzt nur organisiert z. T. gegen die Interessen der Betroffenen durchfuhren Hessen. In der Geschichte haben wir Beispiele,. Wo Völker und Klassen gegen ihre wirtschaftlichen Vorteile handelten. Auf die Dauer wirken solche Lebensäusserungen unnatürlich. Es ist überflüssig, einen Neuidealismus künstlich dort hervorzurufen, wo alle anderen Probleme doch eine Reform an Haupt und Gliedern verlangen, Es würde zu weit führen, die Notwendigkeit des Sozialismus im allgemeinen hier zu beleuchten. Hier kommt nur noch die Wirkung des Sozialismus auf ein anderes Gebiet in Frage. Das kapitalistische Zeitalter hat die sexuellen Beziehungen der Juden ausser allen Rand und Bjand gebracht (Der Mensch an sieh ist gut und nicht plötzfich so verderbt geworden — eine andere Anschauung trifft «nicht das Wesen der Dinge.), die Fruchtbarkeit erschüttert, die venerischen Krankheiten in einem Umfang verbreitet, wie kein Laie es nur ahnen k'aoin und] damit Geisteskrankheiten gross gezogen, die Volksgesundheit durch die verrückte kapitalistische Arbeitsmethode untergraben, den alten jüdischen Idealismus durch einseitig krassen [Materialismus ersetzt und! die jüdische Religion zu einer Leere, Kraftlosigkeit und' Stillosigkeit verurteilt, dass sie in ihren heutigen Bestandteilen unbefriedigend wirkt. Und nur die Erinnerung an die jüdische Geschichte, der Rassenstolz und die Hoffnung auf die Zukunft Hessen die verderblichen Folgen nicht voll und ganz zur Auswirkung kommen.