Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Monatshefte · 1919-07-10 · Heft 19-20 (10.7.1919) · p. Seite 413

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 19-20 (10.7.1919)
Article
Sozialismus und Judentum
Date
1919-07-10
Page
Seite 413 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2908689-2908735-2908749-2911978--2573-2912012
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

411 den, weil beide Bewegungen geistig und körperlich aneinander stark {gebunden sind, Im Zeichen des Sozialismus wird das Golusjudentum leben . . . . » 4. Der soziale Staat und der neue Jude Der Sozialismus erlöst die Juden vom kapitalistischen Geist, Die Liquidatiotisprozesse der westlichen Judenheit diktieren unser heutiges Wirtschaftsleben. Kein Idealismus vermag den Drang und den Zwang zu nehmen, den die ökonomischen Formen unserer Zeit in hundertfältigen Formen täglich neu erzeugen. Der Kampf ums Dasein hat die Gesundheit der jüdischen Massen untergraben. Kein Volk der Welt hat soviel Psychosen, Selbstmörder, Kranke und venerisch Infizierte. Keine Klasse kennt die hohe Ziffer von Individuen, die mit Surrogaten der Liebe ihr Leben ausfüllen. Vieles wäre hier zu sagen und zu zeigen. Die Judennot des Golus hat hundertfältige Gesichter. Aber aller unglücklichen Entwicklung zugrunde liegt der Tanz ums Goldene Kalb. Alte Erinnerungen werden in uns wach. Neue Bedingungen nur können den Weg des neuen Juden ankündige::. Wo der Gewinn wahnsinniger Reichtümer Unmöglichkeit, wo das Recht auf Arbeit nur von der Tüchtigkeit abhängig iist, fallen die bisherigen Voraussetzungen. Taufe bleibt nicht nur Charakterlosigkeit, sondern , wird Luxus, Ueberflüssiges. Ehelosigkeit, Spätehe, Dirnenliebe und die Auswüchse der Erotik bleiben unnötig. Sozialismus bedeutet sexuelle Erlösung. Auri sacra fames, die unsinnige Geldgier, die treibende Maschine, welche die Zersetzung immer wieder im Gange hält, wird;ausges ehaltet. Uebers Jahr sind wir freie Menschen. Noch njicht in Jerusalem. Aber in uns. Die Peitsche, die nms treibt, die uns alles verläugnen lässt: Liebe, Herkunft, Religion, hat keine Macht mehr über uns. Der Zwang ist gebrochen. Die letzte Emanzipation errungen. Die Gleichheit der Menschen «durchgeführt. Das ist die Zielstrebigkeit des Sozialismus. Sozialismus ist eine jüdische Idee, der jüdische Optimismus, der alte Entwicklungsgedanlce, die soziale Umwertung der Werte, des Besitzes und des Einkommens, die Menschheitverbrüderung — ist das nicht das Beste und vom Besten, was uns die Propheten gegeben? Wir leben im Gedanken unserer Grössten, wir bauen am Lebenswerk der grössten Juden aller Zeiten. Die Utopien von heute sind uns Möglichkeiten von morgen. Zukunftsglaube und kraftvolles Aus>- wirken am Werk ist unsere Idee, unser Wille. Die jüdische Lehre, das jüdische Leben — wo immer es blühte — geschah1 in sozialistischem Geiste. Jahrtausende predigten unsere Weisen den Sozialismus. „Sie sollen nicht bauen, was ein anderer bewohne und nicht pflanzen, was ein anderer esse . . . Denn siehe, ich will einen neuer.; Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken wird noch sie zu Herzen nehmen . . (Jesaja 65. Kap.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.