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Neue jüdische Monatshefte · 1919-07-10 · Heft 19-20 (10.7.1919) · p. Seite 410

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 19-20 (10.7.1919)
Article
Sozialismus und Judentum
Date
1919-07-10
Page
Seite 410 (sequence 4)
Language
German
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40S Sein eigenes Kapital schützt nicht seine Erwerbsfähigkeit. Anders der Kaufmann. Kapital ist bei ihm die Quelle seiner Existenz. Sie gibt ihm Ware, Kredit, Umsatz, Verdienst, Leben. Oeld heisst für den Warenhändler Auskommen, Sicherheit, Zukunft. Deshalb ist kein Stand so sehr von dem heiligen Hunger nach Gold erfüllt. Der Verlust von Geld kann für ihn 'Arbeitslosigkeit bedeuten, der Besitz gibt ihm Ehren und: Würden. Darum ist der jüdische Mittelstand in stärkster Weise an alle die Schattenseiten des Kapitalismus innerlich gekettet. Täglich -und stündlich ringt er mit dem Kapital, sucht die Konjunktur, die Arbeitslöhne auszunützen, um selbst seines besten Produktionsmittels nicht verlustig zu gehen. Der Kaufmann regelt sein Leben nach dem Gelde. Er heiratet, ium seine wirtschaftliche Position nicht durdh Mehrausgaben zu schwächer, möglichst reich, und (er beschränkt seine Kinderzahl, um deren wirtschaftliche Stellung nicht zu beschneiden. Alle diese ökonomischen Gesetze finden sich auch bei den nicht jüdischen Kaufleuten. Wir finden ihre Triebe auch bed den Beamten, beim Kleinbürger und sogar beim Proletarier. Auch ,rier Arbeiter strebt bei der Ehe nach Mitgift, weiss sich heute in der Kinderzahl ökonomisch zu bescheiden. In allem aber muss der jüdisdie Mittelstand noch grössere Konzessionen an die destruktiven Formen des Kapitalismus machen, Weil seine Arbeitskraft ohne Kapital fast wertlos ist, wffcil leir eurer Schicht entstammt, die seit jeher kaufmännisch selbständig war und Kapitalverlust für ihn Aufgabe seiner Freiheit und vollen Wirkungsfähigkeit bedeutet. Der kapitalslose Kaufmann sinkt zum Handlungsgehilfen herab, der oft wirtschaftlich ungunstiger wie der Industriearbeiter dasteht. So lernen wjir die Dinge national-ökonomisch zu verstehen. So begreifen wir, warum der jüdische Kaufmann erst spät heiratet, weil er erst die Lernzjeit, die langen Jahre des Kondiüonierens hinter sich haben will, um als eigener Unternehmer zur Ehe zu schreiten, die ihn dann nicht in seinen Produktionsmitteln (Kapital) beschneiden, sondern sogar fördern soll. Auch der Bauer - hat instinktiv ähnliche Ueberlegungen. Geldheiraten sind auf dem .Lande etwas Alltägliches und Selbstverständliches. Nur ein kleiner Umstand scheidet Land und Stadt. Auf dem Dorfe lebt man allein, unverheiratet auf die Dauer unangenehm. Der Städter weiss sich Surrogate der Ehe zu beschaffen. Das Kapital sorgt dafür, Üass Hunderttausende von Mädchen nicht zur Ehe schreiten können. Für Geld gibt es Liebe von Mädchen/, die sich dadurch ernähren, und auch ohne Geld gibt es Mädchen, die zu arm für die Ehe sind, Freundschaften für die Zeit suchen. Auch die Arbeiter suchen mit Recht sidh das Leben zu erleichtern. Wter es kann, strebt nach einer Frau, die die Finanzierung des Ehebündnisses erleichtert. Einrichtung, Aussteuer (und ein Notpfennig sind die Formen dieser Finanzierung. Der Jude ist somit keine Ausnahmeerscheinung. Er ist nur der radikalste, bewusste Vertreter des kapitalistischen Systems, der es am seltensten durchbricht und sich am meisten zum Herrn oder Sklaven

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