Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 19-20 (10.7.1919)
- Article
- Sozialismus und Judentum
- Date
- 1919-07-10
- Page
- Seite 409 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2908689-2908735-2908749-2911978--2569-2912008- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
407 Sozialismus gelöst werden. Der war die Formel für die vielfältigen Fragen des Lebens überhaupt; ihr geistiger Lebensinhalt. 2. Die'sozialistische Neuorientierung des ökonomischen Problems Vor kurzem hat die Sozialdemokratie das jüdische Volk und seine nationalen Rechte anerkannt. t Man glaubte früher, die jüdischen Nationalisten forderten einen eigenen ^Sozialismus und nicht die simple Anjerkennung der Tatsache j ü dj s c h e r Sozialisten, wie es deutsche, polnische, tschechische gab. Die Kenntnis der jüdischen Eigenart ging allmählich den Sozialisten auf. Das Auftreten der grössten russischen Proletarierorganisationen vor dem iKriege, des „Bund" und der „Poale- Zion", Hess die westliche Welt aufhorchen. Bewiusste jüdische Arbeitermassen verlangten ihr Recht, Menschen mit eigener Mundart (dem Yiddisch) konnten unmöglich den Polen, Litauern oder Russen zugezählt werden, zu denen Teile ihrer Organisation lokal oder regionär gehörten. Eine innere Notwendigkeit musste zur Anerkennung der jüdischen Nationalität führen. Selbst der Bolschewismus hat nach den neuesten Mitteilungen die Rechte des jüdischen Volkes anerkannt und die Einrichtung jüdischer Abteilungen in seiner Organisation .vorgenommen. Der Weltbürger- Trotz k i hat der Tatsache diese Einräumung gemacht. Die Juden machen ^nämlich eine gewisse Ausnahme. Während Elmigranten Frankreichs, Russlands, Deutschlands usw. in einer fremden Umgebung sehr rasch ihre Eigenart und ihre Sprache abgeben, hat die jüdische Religion das jüdische Volk zwanzig Jahrhunderte in der Zerstreuung erhalten. Jetzt aber, wo die Fessein der Religion gesprengt sind, machen sich starke Strömungen geltend, die aus der jüdischem Gemeinschaft hinausführen. Hier interessiert uns augenblicklich die Frage, inwieweit der Sozialismus diesen Auflösungsprozess fördert oder inwieweit der Sozialismus als ein Heilfaktor dagegen in Frage kommt. Die deutschen Juden sind in der Hauptsache in der ausgeprägtesten kapitalistischen Zone >—? wpxm wir so sagen dürfen — tätig. Sie sind Kaufleute, denen das Kapita,'! den Lebensnerv gibt. Anders bei einem Teil des landwirtschaftlichen Elements, das mit dem alten Monopol, mit angestammten Grund und Boden arbeitet, ohne sich überhaupt des Geldes, d. h. des Kapitales klar zu werden. Gleichfalls weniger abhängig von dem starken Kredit, vom Kapital ist der Beamte. Da der Jude bis nun als Beamter stärkere Widerstände als der nichtjüdische Bewerber zu .überwinden hatte, verzichtete er auf alle die Beamtenposten, die ihm nicht die Vorstufe eigener Selbständigkeit abgaben. Erst in dem letzten Jahrzehnt hat auch hier eine Wandlung sich eingestellt. Wir finden ihn in den grossen Betrieben, z. B. der A. E. G„ der Grossbanken, in einzelnen Fabriken (Orenstein und Koppel) usw., überall da, wo er als Jude keiner zu starken Zurücksetzung ausgesetzt zu sein seheint und wo er zu besseren Posten gelangen kann. Der Beamte lebt wohl vom Oelde. 'Für ühin ist der Besitz eines Kapitals eine überaus angenehme Beigabe. Er empfängt aber seinen Lebensunterhalt nicht vom Besitz eines mehr oder minder grossen Kapitals.