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Neue jüdische Monatshefte · 1919-07-10 · Heft 19-20 (10.7.1919) · p. Seite 408

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 19-20 (10.7.1919)
Article
Sozialismus und Judentum
Date
1919-07-10
Page
Seite 408 (sequence 2)
Language
German
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406 Gewiss, der jüdische Kaufmann hatte sein* Glück im liberalen Judentum gefunden, in der restlosen Aufgabe der jüdischen Eigenart, wo sie das Fortkommen behinderte», und noch mehr in der Gefolgschaft des manchesterlidhen Liberalismus. Sofern man wirtschaftlichen Aufstieg, Reichtum und Orden als die Massstäbe des Glücks gelten lässt. Der bürgerliche Liberalismus der 50—TO er Jahre gab den deutschen Juden das Entreebillet rar Kultur, und die konsequentesten Vertreter des damaligen Jahrhunderts konnten sich auch so ziemlich auf dem Rarkett halten, nachdem sie noch den letzten äusserlichen Schritt in dieser Hinsicht gegangen waren und durch Austritt, Taufe und Mischehe bezeugt hatten, dass sie auch vor der Welt keinerlei Beziehungen zum Judentum zu pflegen wünschten. — Die übrige jüdüsdhe iMasse jonglierte und balanzierte gegen den Antisemitismus und trotz seiner in den freien Berufen und in der Kaufmannschaft, nutzte die wirtschaftliche Konjunktur der Gründerjahre glücklich aus und strebte nach politischen Freiheiten in der deutschen Politik. -Schutz gegen den Kapitalismus bedurften die meisten Juden nicht, da sie gerade mit seiner Hilfe hofften, wirtschaftlich, kulturell und sozial in die Höhe zu kommen. Im| Sozialismus erblickten sie einen Rückschritt, die Gefahr des deutschen Beamtentums, der sich stets antisemitisch färbte. Sie hatten ihn anscheinend nicht nötig. Nur jüdische Ideologen sahen im Sozialismus seinen überragenden Ewigkeitswert. Der Soziaiismus hatte in sich die stärksten sozialen Voraussetzungen: alle die Stigmata des messianischen Zeitalters, Glück und Zufriedenheit der Menschen, .Völkerfriede, Bodenreform, Demokratie, Freiheit aller Unterdrückten und Geknechteten der ganzen Welt. Aus einer gewissen Notwendigkeit heraus setzte sich der werdende Sozialismus zuerst über die Schranken* der nationalen Begrenztheit und über den kastenbildenden Geist der Religionen hinweg. Seinem ersten Vorkämpfer durfte ebenso wenig wie den Urchristen zu starker Erdgeruch und einseitige Bindung an einen Volksteil anhaften. Marx' Aufruf (kommunistisches Manifest) konnte bei keinem Grenzstein, bei keiner Sprachgrenze Halt machen. Kein Zufall, dass bis auf den heutigen Tag gerade Juden den Sozialismus orientierten und an ihm sich wieder orientierten. Den jüdischen Sozialisten wurde die Verleugnung des Religiösen und des Nationalen leicht. Sie suchten ein Eindringen in die europäische Kultur. Jüdische Zukunftsbestrebungen existierten nicht. Was war ihnen überhaupt das Jüdische? Die Abstreifung des Religiösen fiel ihnen nicht schwer, da sie mit den Resten der heutigen jüdischen Religion Wenig mehr oder nichts zu tun hatten und da eine jüdische Nation nicht zu existieren schien, alle instinktiv gefühlten Tatsachen und Wahrheiten über die Existenz der jüdischen Rasse keinen Niederschlag in irgendweichen Einrichtungen, Programmen usw. fanden; so war es eine Selbstverständlichkeit, wenn der jüdische Sozialist sich nicht zur jüdischen Nationalität zählte, die selbst die bewussten Juden leugneten. Der Einfluss des Soziaiismus ist dementsprechend bis in unsere Zeit für das Judentums weder fördernd oder nur anerkennend und bejahend gewesen. Die sozialistische Idee wurde ihren jüdischen Anhängern das Surrogat für Religion und Volkstum. Nicht nur das Wirtschaftsproblem wurde oder sollte durch den

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