Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 19-20 (10.7.1919)
- Article
- Zur Frage der Westjuden
- Date
- 1919-07-10
- Page
- Seite 406 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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A*\A. Wil Man halte nicht die beiden letzten Absätze für ein Abirren von meinem Thema in das rein Politische. Nichts steht für sich', alle Grenzen veifliessesj, und auch das gehört aufs Engste zu dem, was ich sagen enttss. Denis Politik heute ist ja keine Tagespolitik, kein Geschacher um Ideine Vorteile einer Oruppe mehr, sie ist Kampf um. Weltanschauung und Evangelieaverkfindung. -Ida hviederhole also, und das scheint mir überhaupt das wichtigste von allem, was ich zu sagen habe: Der IVestjude ist heute vor eine ganz gneue Konstellation gestellt. Er hat eine schwere Enttäuschung erfahren. Aus der seelischen Domäne, in der er sich beheimatet glaubte, ist er vertrieben worden; oder, — wenn er auch nicht vertrieben wurde, — er hat das Heimatsgefühl zu ihr verloren, und seine Seele, die sich stärker als» vorher auf ihr Judentum besann, sucht nach einer neuen Heimat; denn irgendwo will sie doch ruhen und ihren Mittelpunkt haben. Ahes* da haben wir ja, wird jman meinen, die Bewegung des Zionissnss. Ich bin stets, wenigstens für deji Westjuden — endlich konnte man ja nidit an ihm vorbeidenken — ein starker Gegner des zionistischen Gedankens, selbst in seinen reinsten und abgeklärtesten Formen gewesen. Die Einwände Tolstois, der sagte, dass der ganze Wert und die ganze Kraft des Juden darin läge, dass er eben nicht mehr fetaatezibildend sei und dadurch ungefesselt in freier, rein menschlicher Konkurrenz stände, habe ich aufgeworfen, l ängst bevor ich von ihnen wusste. Ich habe mit Bedauern gesehen, wie der Gedanke des Zionismus einen grossen Teil der Jugend auch unserer deutschen Juden gefangen nahm. . . . Wenn ich mich auch dem nicht verschliessen konnte, dass eine ideelle Hingabe besser sei als jene völlige Gleichgültigkeit^ in der zum Beispiel meine Generation aufgewachsen y/ar, Und ich sage mir noch heute; soll wirklich wieder eine dieser o\s In die Knochen blamierten Institutionen, „Staat" ge- Iieissen, geschaffen werden?! Immerhin, ich gebe zu, ich bin schwankend geworden, und ich stehe dem Gedankenkreis des Zionismus nicht mehr so völlig ablehnend gegenüber, wie ich das noch vor wenigen Jahren tat. Und wenn er in jener Form Wahrheit würde, wie er heute erstrebt wird, eine gesicherte Heimat für bedrängte Ostjuden, ein geistiges Zentrum für die Juden der ganzen Welt zu sein, — ich würde nicht mehr so schroff „nein" zu ihm sagen, wie ich es noch vor fünf Jahren getan hätte. Aber ich sähe in ihm doch nur einen Notbehelf, ein Uebergangsstadium, ja eigentlich einen Atavismus, eine Rückbildung; — selbst wenn er auf Religiöses und Sprache verzichten wollte. Aber die Ablehnung, oder die bedingte Annahme des Zionismus ■bringt mich nicht weiter. Es bleibt die Tatsache mit oder ohne ihn bestehen* dass der deutsche- Westjude, ja der europäische Westjude überhaupt, eine Umstellung erfahren hat und das seine wurzellocker gewordene Seele nach einer Heimiat strebt. Nicht zusammengeschossen zu grossen völkischen Verbänden wie die Ostjuden, hat er heute das Gefühl der Einsamkeit, das sich stets ergibt, wenn man plötzlich die Umwelt nicht mehr versteht und' nicht billigt, hat es in noch stärkerem. Masse als früher, und er hat die Sehnsucht nach Zusammensdhiuss in irgend-