Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 19-20 (10.7.1919)
- Article
- Zur Frage der Westjuden
- Date
- 1919-07-10
- Page
- Seite 407 (sequence 7)
- Language
- German
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405 welchen Formen. Nicht um einen Staat im Staat zu bilden, nicht um sich als Bekenner gleichen Glaubens fester zusammenzuschliessen, sondern einfach um als Rassengemeinschaft Rückhalt aneinander zu finden. Und er will seine Seele, die jetzt umhergetrieben wird, wie die Rose von Jericho, die, ein ausgetrockneter Ball, der heisse Wüstenwind über dem roten Sand und die glühenden Steinfelder rollt, wieder Wurzel schlagen lassen. Nicht im! Zionismus, — ich glaube ihrer harrt mehr als eine Welt, die von Juden für Juden geschaffen werden soll, sondern schlichtweg im Menschentum und in jener Zukunft, zu der es geführt werden solf, — will sie Wurzel fassen und sich verankern. Die Gedanken der Menschheit, sagte ich, sind meines- Eirachtens von allen westlichen Völkern bei den Juden bisher am besten aufgehoben gewesen. Lassen wir das Leitsatz sein, vergessen wir dias nicht Und Wenn wir uns zusammenschössen, so sei unser Zion (nicht örtlich und staatlich begrenzt): die Zukunft der Menschheit. Man glaube nun nicht, dass ich einen Jubelliymntis auf den Westjuden habe singen Wollen und dass* ein jeder von ihnen berechtigt wäre, sich mit diesen Federn zu schmücken. Ich weiss genau, dass auch tinter ihnen noch unendlich viel Rückständägkeit, Hartherzigkeit, Gleichgültigkeit und Uebles aller Art steckt, im kleinsten jüdischen Händler so gut Wie im Grosskonfektionär und Bankpiraten und dass es auch hier Hunderte von Abtönungen gibt, von dunkel nach helft Und trotzdem wage ich die Behauptung, dass die ewjge, zukunftsuchende Menschlichkeit heute im Westjuden stärker ist als in irgend einer anderen Rasse Europas und das eben gerade die Erfahrung der letzten Jahre ihn dessen bewusst werden liess und für ihn somlit eine ganz neue Konsteltation sich ergab. Sozialismus und Judentum Von Dr. Felix A. Theilhaber, Berlin-Wilmersdorf 1. Die historischen Beziehungen er aufstrebende Sozialismus missachtete Judenheit und Judentum. In allen Zeiten, in denen der soziale Geist des Judentums erstarrte, lehnten.sich Männer gegen das Pharisäertum auf. Der Streit des Galiläers Jesus von Nazareth löste ejne neue Weltreligion aus. jahrhundertelang hielt das Gebäude, solange die „Lehre" in keinem Widerspruch vom geschriebenen Wort zum Leben stand, solange inneres Erlebnis im äussern Tun fortwirkte, soziale Gerechtigkeit erfüllend. Als aber approbierte Theologen mit Kirchenrat- und Händler mit KommerzLcnrattiteln, praxislüsterne Anwälte die Gemeindestube reformierten und neben den jüdischen Kulturwerten alle Wohlfahrt austilgten, als aus dem Lebenswerk eine rein äusserliche Betgemeinschaft Wurde, genügte diese Gemeinschaft den Mä|nnern m|it den kräftigen sozialen Instinkten nicht mehr. Lasalle, der durch und durch jüdisch gefühlt hatte, schenkte seine Hilfe den anderen Enterbten der Menschheit, dem Proletariat, und Marx fand so absprechende Worte über das Judentum, wie sie nicht nur aus Kenntnislosigkeit der Geschichte sich erklären lassen.