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Neue jüdische Monatshefte · 1919-07-10 · Heft 19-20 (10.7.1919) · p. Seite 405

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 19-20 (10.7.1919)
Article
Zur Frage der Westjuden
Date
1919-07-10
Page
Seite 405 (sequence 5)
Language
German
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403 grenzenlose Elend dieser Erde verantwortlich machen können. Ein Elend, das sich nur prozentualster zu steigern vermag, ganz gleich, ob eben diese Erde im sogenannten Frieden dahinrollt, oder ob noch zu dem die Orkane der Kriege über sie dahintoben. Wo denken sie also da Zukunft? Wo Menschentum? Nun, ich habe (wenigstens bei uns) gefunden, dass gerade des Kapitalismus prominenteste jüdische Vertreter, — ein Rathenau, Ballin, James Simon, ein Schiff drüben mögen als Beispiel gelten — soziales Gewissen, zukunftdenkendes, Menschentum, wenn auch beengt durch die Anschauung des Standes und der Kaste hatten; was den Stinnes unjd Thyssen, Krupp, Sturm und Henckel von Donnersmark, und unseren Grossagrariern nicht einmal ihre Feinde nachsagen können. Gewiss: auch jene sind Träger eines abgewirtschafteten Systems, dessen Schäden offensichtlich zutage getreten sind, aber es schien mir immer, als ob selbst sie die Schwäche dieses hundertjährigen Systems erkannt haben und es umzulenken versuchen. Wenigstens bei einem Rathenau, der als ihr Sprecher auftrat, liegt die Absicht klar zutage. Und wenn ich vor Jahr und Tag an anderer Stelle im „Gesicherten und ungesicherten Leben" sehr hart über seine mir noch heute ebenso unsympathische Millionarsphüosophic geurteilt habe, so fordert doch die Gerechtigkeit, dass ich hier ebenso feststelle, dass das uralte Menschentum seiner Rasse ihn zwingt, nicht die Dinge als gegeben hinzunehmen, sondern sie zu prüfen* ummodeln zu wollen und „Zukunft" zu denken. Ein Rathenau denkt letzten Endes ebenso Zukunft wie die vielen intellektuellen, ja auch nur gefühlsmässig orientierten Juden, die heute überall in allen Ländern auf dem linken Flügel des politischen Führertums stehen. Ich höre auch von Juden oft ängstlich raunen: „sie schaden uns, das ist nicht gut, das gibt böses Blut"». Im Gegenteil: seien wir djotdh, stolz darauf, dass ein Marx, ein Lasalle, ein Singer, eine Rosa Luxemburg, ein E i s n e r, ja ein H a a s e u. s. f. Juden sind; denn sie repräsentieren die uralte menschliche Seele unseres Stammes besser, als das irgendeine Religionserneuerung vermöchte. Nehmen wir es freudig zur Kenntnis, dass auch in Russland, in Ungarn viele von denen — ob der Weg der rechte ist, wage ich nicht zu entscheiden, — viele von denen, die bestrebt sind, die bisher niedergedrückten, verelendeten Massen zu neuen, besseren, menschenwürdigeren Lebensformen zu führen, dass ein T ro t z k y , ein Bela Kuhn Juden sind. Sie offenbaren damit nur, dass die Gedanken des Menschentums bisher bei den Juden am besten aufgehoben sind. Von all den Juden, die heute in Deutschland politisch-linksstehend führen, hat nicht eine materielle Not (und sei es auch die halbvergessene einer Jugend) in diese Gedankengänge hineingetrieben, und nicht drei sind vom Ehrgeiz gestachelt, eine Rolle zu spielen. Sie alle denken Zukunft, wenn sie dem Massenelend des Volkes Steuer" wollen, wenn sie bestrebt sind, auf anderer Grundlage das Dasein der Gemeinschaften aufzubauen, damit es ihm unmöglich werde, wieder ähnlich jammervolle Zusammenbrüche zu erleben, wie sie die Welt alle drei Dezennien seit Jahrhunderten erlebt hat und in ihrer Gesellschaftskonstruktion bedingt zwangsläufig erleben musste.

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