Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 19-20 (10.7.1919)
- Article
- Zur Frage der Westjuden
- Date
- 1919-07-10
- Page
- Seite 404 (sequence 4)
- Language
- German
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402 ist, sie bewähren steh noch heute als schlechte Siegelbewahrer des Menschentums, . , ja heute im Unglück mehr denn je. Und das — nicht ihr Unglück, was wir gern mit ihnen gemeinsam tragen wollen, — iässt unsi, uns) Putsche Westjuden, stärker als vordem uns auf unsere Rasse besinnen. Wir intellektuellen Westjuden vor allem sind degoutiert durch die tiefe und hartnäckige Verständnislosigkeit, mit der die Oberschichten und auch die gebildeten und gebildetsten unter den Deutschen allen . rein menschlichen Fragen gegenüberstehen. Man kann mir entgegenhalten: sie waren und sind bei den anderen Völkern auch nicht viel besser aufgehoben gewesen, die ewigen Gedanken des Menschentums. Mag sein. Vielleicht haben wir dann auch mit den anderen Völkern nichts zu tun, wir Westjuden, ganz gleich, wo wir leben mögen, welche Sprache wir sprechen und in welcher Kultur wir stehen mögen. Wir sind vielleicht überall eine Rasse für sich und dann heisst der Gegensatz eben: Westjude und Europäer. Dann haben wir eben stets eine Doppelheimat. Denn das *eine Oefühl habe ich, — und ich glaube, es trügt mich nicht, — iiass die Gedanken des Menschentums bisher noch bei den modernen weitfortgfeschrittenen Juden am besten von allen mir bekannten Völkern und Rassen aufgehoben sind, (wenn ich die Inder und Ostasiaten, von denen ich zu wenig weiss, nicht in meinen Kreis mit einziehen will); und dass sie das» vielleicht von fe waren. Nicht in der Religion, ich rede ja nicht von Religion. Ich halte mich auch nicht für kompetent darin. Ich sehe nur das eine, dass z. B„ das Christentum — die Religion der Liebe — im Augenblick schwer Konkurs gemacht hat, indem es sich überall und allenthalben vor den Dagernautwagen des Krieges spannte oder doch spannen Hess, und dass es nunmehr wieder mit allen Mitteln pfäffischen Geschicks versucht, was es aus dem Konkurs noch retten kann. Nein, von Religionen spreche ich nicht, wenn ich sage, dass die Gedanken des Menschentums bei den Juden am besten aufgehoben sind. Vielleicht kommt das daher, weil sie sehr, sehr alt sind, älter als alles um sie her und vielleicht liegt der Grund darin, weil sie seit Jahrtausenden nicht mehr ßtaatenbüdend sind und waren. Man wundere sich nicht, dass ich so viel das Wort „vielleicht" brauche; aber die Dinge in dieser Welt sind nicht derart, dass man irgend etwas feststellen könnte; und vor allem bei Dingen von so zerbrechlichen Gefühlsbetonungen, wie es die sind, von denen hier gehandelt wird, würde ich nie wagen, ein apodiktisches Urteil abzugeben. Die Juden also hatten Jahrtausende Zeit, sich über den Staat fort auf ihr Menschentum zu besinnen; während jedes andere Volk, jede andere Rasse, sowie ihre Gedanken einen Schritt zum Menschentum machen wollten, die Eisenkugel „Staat" am Bein klirren hatten. So kommt es, dass die anderen immer „Macht" dachten, „Erweiterung", „Herrschen", „Unterjochen", „Kampf", „Kraft", „Militarismus", — Bestehendes. So kommt es, dass der Deutsche „Gegenwart" denkt und der Jude „Zukunft". Aber, — wirft man ein, — die Juden sind doch vielfach die Träger des rückständigsten Kapitalismus, den wir, — mögen wir ihm auch Erhöhung unserer Lebensformen danken, — doch sicherlich für all das