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Neue jüdische Monatshefte · 1919-07-10 · Heft 19-20 (10.7.1919) · p. Seite 403

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 19-20 (10.7.1919)
Article
Zur Frage der Westjuden
Date
1919-07-10
Page
Seite 403 (sequence 3)
Language
German
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401 tum und ein paar letzte, halb versteh liffene Rasa en eigen heiten mit durchs Leben tröge. In den nun vergangenen fünf Jahren hat sich das geändert. Ich habe — die Umstände haben das mit sich gebracht; und, da bei den anderen meinesgleichen sie dieselben waren, wird es auch dort geschehen sein, — «ine starke seelische Umstellung erlebt. Ich hai»e mich aufr meist Judentum besonnen, und ich besinne mich täglich mehr darauf. Nicht in irgendwelcher äusseren Form. Ich kann mcht einmal wie Heire (siehe die Vorrede des Romancero) von mir sagen, ich bin zu meinem Gotte zurückgekehrt, nachdem ich lange genug bei den Hegelianern die Schweine gehütet. Ich habe mich also nicht religiös, sondern rassenmässig darauf besonnen. Irgendwelche dunklen Urgründe meines Wesens empfinden so etwas wie Sehnsucht und meine Seele schweift umher, um einen Fleck zu suchen, wo sie wohnen will, denn sie fühlt sich entwurzelt. Heute sehe ich auf die Dinge von einst anders. Der Jude ist nicht Deutscher, war es nie ganz, auch der am meisten assimilierte nicht. Wie der Mann nicht die Frau ist. Sie leben zusammen, haben einen: gemeinsamen Haushalt, essen zusammen, schlafen zusammen, glauben sich auch zu kennen, treten füreinander und für das gleiche ein, werden sich wohl auch mit den Jahrzehnten ähnlich, aber zum Schluss geht jeder seine eigenen Wege, hat seine eigenen Gedanken, sein eigene? Fühlen, seine eigene Veranlagung. Wenn der eine stirbt, weiss oft der andere mit seinem Leben nicht recht mehr etwas anzufangen, welkt dahin . . . gewisslich . . . oder vielleicht. Bei alledem aber bleiben sie stets allein; und sie beweisen das Eine, dass sich nicht nur die Körper nicht berühren, sondern, wie schon Emerson sagt, auch die See:c~ sich nie berühren können. Nein, heute erkenne ich klar, der deutsche Jude hat von je zwei Heimatländer, von je eine Doppelheimat gehabt, eine uralte imaginäre, die er, ob er sich dessen bewusst war oder nicht, in sich selbst trug und ein pays d'amitie* wie George Moore sagt, der feine Ire, dessen Kunst im Frankreich der Impressionisten ihre Heimat fand. Auch wir stark assimilierten Westjuden trugen also von je, ohne uns noch dessen bewusst zu sein, — gleichsam eine Wage in uns. Auf der einen Schale, die schwer belastet tief unten hing, lag das Wort Deutschtum und auf der anderen, die federleicht oben schwebte, lag das Wort Judentum. Und langsam im Laufe von fünf Jahren mit jeder steuen Enttäuschung, die wir ^an denen erlebten, die wir glaubten, bis in den letzten Winkel ihres Wesens zu kennen, stieg die Schale des Deutschtums und die Schale des Judentums sank mehr und mehr dafür. Ob wir es wollten oder nicht, wir mussten uns auf unser Judentum besinnen, denn der Krieg und die Grundanscltauungen, die mit ihm Hand in Hand gingen, ►zeigten von Jahr zu Jahr mehr und stärker die Wesensverschiedenheiten und die Wesensfremdheiten., die uns von jenen trennten. Wir haben eine grosse Enttäuschung am Deutschen erlebt und wir erleben sie noch heute jede Stunde. Lasst mich offen ein hartes Wort sagen, wozu es verschweigen und vertuschen?\: Die Deutschen haben sich als schlechte Siegelbewahrer des Menschentums bewährt. Und was schlimmer

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