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Neue jüdische Monatshefte · 1919-07-10 · Heft 19-20 (10.7.1919) · p. Seite 402

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 19-20 (10.7.1919)
Article
Zur Frage der Westjuden
Date
1919-07-10
Page
Seite 402 (sequence 2)
Language
German
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400 Man wird mich fragen, woher ich das weiss? Wie ich das* festgestellt habe? Etwa durch Umfrage? Durch Gespräche? Durch schriftliche Aeusserungen? Durch nichts von alledem. Ich weiss es daher, weil (5 + 3 + 4-,2)1X(3):(2) . " . -—:-5-—-~— ■ —«5 ist. Und^;weil es immer und ewig unter den gleichen Umständen "5 ergeben muss, weil die Summe gleicher Faktorenin den gleichen Relationen stets das gleiche Endresultat zeiligen muss. Und die deutschen Juden gewisser Gruppen und Schichtungen sind — so weit sie auch scheinbar voneinander differieren mögen, als Wesenseinheiten immer aus den gleichen seelischen Faktoren zusammengesetzt, und sie haben heute alle das gleiche erlebt, innerlich erlebt und durchgefühlt,. die gleichen geistigen und seelischen Enttäuschungen erlitten in den letzten fünf Jahren, wie ich sie erlitten habe. Für alle also muss sich das gleiche Resultat ergeben haben, auch wenn bis1 heute hiebt zehn unter ihnen sich die Mühe genommen haben, es auszurechnen. Ich bin wie viele Tausende meinesgleichen deutscher Jude, oder wie man 'sagt: deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Wie viele meinesgleichen habe ich mich, solange ich denken kann, von religiösen Formalien völlig fern gehalten, habe mich aber trotzdem stets der Rasse nach als Jude, als typischer Westjude gefühlt. Ja, ich muss bekennen, dass ich als -solcher eine ziemlich heftige Abneigung gegen den noch unziviLisierten Ostjuden stets empfunden hatte. Ich stelle diese Tatsache einfach fest, ohne über sie in Diskussion eintreten zu wollen, oder sie als berechtigt gelten zu lassen. Sie mag nur zur Charakteristik des Schreibers aufgefasst v/erden, aber sie gibt oder gab doch eine unter den Westjuden, bisher allgemein verbreitete Anschauung wieder. Ich habe das Problem der Ost- und Westjuden für uns deutsche Juden in der Zeit, da es zuerst auftauchte, in dem Kampf der Geberts und Jakobys in dem Rahmen einer einzelnen Familie aufgezeichnet . . . kurz: ich glaubte als typischer Westjude midi sehr stark innerlich dem Deutschtum assimiliert zu haben . . . dem Deutschtum, in dessen Schoss ich lebte und dem ich das Geschenk seiner Sprache und seiner Kultur dankte. Was von Judentum in mir war, empfand ich nur noch wie einen Beigeschmack; es war eine seelische Betonung dabei, ein Schuss Salz darin, gekennzeichnet durch seine grössere Regsamkeit, Mittelmeernerven, Problematik. Es war der einmal jagende und einmal müde und verbraucht laufende Motor des Lebais; heute höchste Energieanspannung, letzte Zielstrebigkeit und morgen ein: „was ist daran gelegen?!" (ohne dass man erklären konnte, wie das kam), das mich manchmal als ein Andersgearteter denen gegenüber mir erscheinen Hess. Aber im ganzen hatte ich doch mit vielen meiner Brüder dao Gefühl, dass ich als deutscher Jude nicht nur zwischen den Deutschen lebte, sondern m i t ihnen lebte. Ich glaubte beides, Deutscher und Jude nicht nur im.gleichen Masse zu sein, nein ich meinte, dass ich zuerst Deutscher wäre und nur aus alter Anhänglichkeit — denn zum Schluss trennt man sich doch nicht gern von einem Erbstück, das Efcit dreitausend Jahren und länger in der Familie aufbewahrt und in Ehren gehalten wird — aus Pietät gleichsam noch so ein Rest von Juden-

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