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Neue jüdische Monatshefte · 1919-06-25 · Heft 18 (25.6.1919) · p. Seite 397

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 18 (25.6.1919)
Article
Er ist verschieden
Date
1919-06-25
Page
Seite 397 (sequence 5)
Language
German
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393 Und kh ging, schlafen. Wieviel mal Ich an jenem Abend da» Nachtgebet tu sprechen anfing und es nicht zu Ende sprechen konnte, weiss ich heute nicht mehr. Ich weiss nur noch, wie ich mir den linken Schuh auszog und dann lange Zeif mit dem rechten Schuh auf dem Fusse unbeweglich und stumm auf dem Bette sass. Draussen begann es zu giessen, ich hörte es aber nicht. Erst später, als es zu donnern und zu blitzen anfing und da» ganze'Haus,' er«* zitterte, kam ich zu mir und warf mich aufs Bett. Als ich mich in die Decke gehüllt und den Kopf in die Kissen vergraben hatte, spürte ich ein Zittern an allen Gliedern. Ich verfluchte den Wald und das grüne Laubdach und den Bach und alles, was mich verführt hatte. Ich liess alles, was ich an diesem Tage getan und gesprochen hatte, an mir vorüberziehen/ und plötzlich kam es mir vor, als ob nichts geschehen wäre, als ob ich alles nur geträumt hätte. Doch einen Augenblick später fühlte ich mich wieder schweißgebadet wie im Fieber. Und morgen? Was wird morgen früh geschehen? Noch einige Stunden, und die schreckliche Wahrheit wird ans Licht kommen! Alle Juden der Stadt, die Juden des ganzen Landes werden erfahren, was ich getan habe.,.. Es war nicht nur die Angst vor der Wahrheit, die morgen ans Licht kommen sollte, was mich so erschütterte. Ein anderer, weit schrecklicherer Gedanken quälte mich: das Böse, das ich von ihm gesagt hatte, dass er verschieden sei, er, für den ich mein eigenes Leben hingeben würde, damit er ewig lebe. .. Damals kannte ich .schon den Sinn des Sprichworts; „Man soll den Teufel nicht an die Wand malen." Und mir erstarrte das ' Blut. Und ich fing zu weinen an. Ach, wenn ich jetzt sterben könnte! Wenn ich den nächsten Morgen nicht mehr erlebte!... Als ich endlich einschlief, quälten mich schreckliche Träume. Tausende und Abertausende Juden zogen durch den Wald. [Es war ein Leichenzug, und vor der Bahre tanzte ein kleiner Bauernjunge mit einer langen Peitsche. Und als ich genauer hingud<te, sah ich, dass es gar nicht der Bauernjunge war, sondern die gelbe Kuh mit dem Glöckchen am Halse und dem Blumenkranz auf dem Kopfe, den das kleine Mädchen geflochten hatte. Und alle schreien: „Gotteslästerung! Gotteslästerung\" Und auch ich schreie laut mit den andern: „Gotteslästerung!" Und meine Mutter nimmt mich bei der Hand und ruft: „Hört, ihr Juden! Dieser Widerspenstige und Ungehorsame hat ihn ermordet! Ach und Weh ist mir, ich bin ja die Mutter dieses Sohnes!... Und ich höre das alles; mid' laufe zum Bach, und springe hinein... . Was weiter kam, weiss ich nicht mehr. In den Schläfen hämmerte es mir, die Zunge klebte trocken am Gaumen, ich war in Schweis» gebadet, und doch fühlte ich eine seltsame Kälte im Rücken. Dann begann es mir in den Ohren zu sausen, und vor meinen Augen drehten «ach grosse und kleine Feuerräder. . . . » * «

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