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Neue jüdische Monatshefte · 1919-06-25 · Heft 18 (25.6.1919) · p. Seite 396

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 18 (25.6.1919)
Article
Er ist verschieden
Date
1919-06-25
Page
Seite 396 (sequence 4)
Language
German
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394 und mir in den Ohren ihre Frage klang, dieser Oedanke mich wie ein Blitz durchzuckte und die wenigen Worte: „Er ist verschieden" ohne mein Wissen und gegen meinen Willen von meinen Lippen kamen. Ich erschrak vor mir selbst, vor dem Klang meiner eigenen Stimme, sobald sie an mein Ohr schlug. Einen Augenblick später wusste ich schon, wie fürchterlich, wie entsetzlich diese Lüge war. Still wurde es plötzlich in der Stube, still und heilig wie auf einem Friedhofe. Man hörte nur eine Fliege summen. ' Der Vater stand auf und legte das „Heiligtum Levis" auf den Tisch. Mutter setzte sich und suchte ihre Schlüssel nicht mehr. Einige Männer, die bei uns im Hause waren, schwiegen gleichfalls. Einer von ihnen seufzte tief auf und fuhr sich mit der Hand über1, das Gesicht. Ich glaube, er murmelte vor sich hin: „Gepriesen sei der Richter der Wahrheit!" Micli fragte man aber kein Wort mehr. Mutter sah mich überhaupt nicht mehr an. Vater ging erregt auf und ab. Ich stand regungslos da, ebenso stumm wie mein Schatten an der Wand. Was hätte ich damals nicht alles gegeben, wenn ich die fürchterlichen Worte rückgängig hätte machen können! Oder wenigstens die Kraft gehabt hätte, frei zu bekennen, dass ich gelogen habe! An jenem Abend leuchteten die Sterne besonders früh auf, und später als sonst wurde bei uns im Hause Licht gemacht. Mutter sass noch immer am Fenster. Ich glaube, sie weinte im Dunkeln. Man setzte sich zu Tisch. Ich glaube, niemand wusste, wa« er ass. Jemand versuchte etwas zu reden, die Worte wollten sidi aber nicht aneinander fügen, und dann wurde er wieder still. „Scholem-Jakejw!" wandte sich -Mutter plötzlich an den Vater. „Scholem-Jakejw! Morgen früh wirst du den Wagen anspannen lassen und hinüberfahren." Der Bissen blieb mir im Halse stecken. Ich hatte verstanden, was sie sagen wollte: hinüberfahren, das heisst noch rechtzeitig zur Beerdigung kommen.... „Gewiss, gewiss!" antwortete der Vater. Er strich sich den Bart und betrachtete die paar grauen Haare, die darin schimmerten. „Sonderbar!" sagte einer von den Gästen. „Schön als wir am letzten Pessachtage dort waren, wollte er mir gar nicht gefallen. Die Schwäche in den Beinen gefiel mir nicht.. Jedes Wort, das gesprochen wurde, stach mich ins Herz. Es schwindelte mir wieder, und in den Ohren sauste es. Ich hatte plötzlich Angst, dass mich jemand anblicken könnte, dass mich die Mutter an blicken könnte. „Kind, fcs ist Zeit schlafen zu gehen," hörte ich plötzlich Mutter sagen. Ihre Stimme klang diesmal weniger streng als sonst. Sie kam mir sogar ungewöhnlich mild und weich vor. Es wäre mir aber tausendmal lieber, wenn sie mich angeschrieen oder geschlagen hätte! „Es ist Zeit, schlafen zu gehen," sagte sie noch einmal. „Morgen musst du tfrüh [aufstehen----"

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