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Neue jüdische Monatshefte · 1919-06-25 · Heft 18 (25.6.1919) · p. Seite 398

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 18 (25.6.1919)
Article
Er ist verschieden
Date
1919-06-25
Page
Seite 398 (sequence 6)
Language
German
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396 Es vergingen einige Tage. Ich Hegenoch immer im selben Bett, in das ich mich an jenem Abend gelegt habe. Auf dem Tischchen am Berte stehen Arzneiflaschen, und ein Herr — ich glaube, es ist der Doktor Rosenthal — hält, meine Hand in der seinen. Mutter sitzt vor dem Bett, schaut mich an, und ihre Augen sind voller. Tränen. „Jetzt könnt ihr Gott danken!" sagt der Doktor zu der Mutter. ,,Ein Rezept muss ich doch noch aufschreiben ... Aber vom Typhus ist nicht mehr die Rede!.. Mutter beugte sich über mich und küsste mich. Ich sah sie fragend an. Haben sie^erfahren, was leb poetan habe? Haben sie .mir verziehen? ... Mutter beugte sich wieder über mich und bedeckte mich mit Küssen.... „Nicht sprechen, gar nicht sprechen, mein Kind!" sagte sie zu mir. Mir klang es aber noch immer in den Ohren; „Er ist verschieden!" Ein Chorjunge Von Scholem Asch «y*« (Deutsch von Alexander Eliasberg). ); [ ossele Vögelchen ist in der ganzen Stadt berühmt. Sein Vater ist H Zimmermaler, ein langer, hagerer Mann, mit langem, verfilztem Bart, Cvy bei dessen Anblick man sich verzweifelnd sagt: „Vergebliche iMühe, tmit einem Kamm hineinzufahren, vergebliche Muhe..Zimmermaler ist er, ganz zufällig ist er Zimmermaler geworden und ist es schon seit vielen Jahren. Für jedes Zimmer hat er ein eigenes Muster. Die Muster lässt er sich nicht aus Warschau kommen: nein, er schneidet die Schablonen mit eigenen Händen aus. Er sitzt abends allein vor dem Tischchen, die Lampe nlakt/ in der Stube ist es finster und traurig, und eine eigentümliche Wärme steigt in der Finsternis auf. So sitzt Lejser Adler, der Maler, vor dem Tischchen und schneidet mit dem Messer eine Schablone aus mit Schmetterlingen und Vögeln und kleinen Mogen-Dowids.1) Er sitzt und schneidet, das Lämpchen geht allmählich aus, das karge Licht wird von der ihn umgebenden Finsternis'» aufgesogen, er sieht es aber nicht und arbeitet weiter. Plötzlich merkt'er, wie finster es geworden ist, und fährt erstaunt auf. Der Weg vom Tischchen zum Bett ist ihm gut bekannt, und im nächsten Augenblick ist er schon von der Finsternis verschlungen, f Einen Sohn hat er, Jossele heisst der Junge. Klein ist er, Imager und schmächtig. Der Kopf scheint an dem dünnen Hals wie an einem. Faden zu. hängen ..-. Man fürchtet immer, dass jemand auf ihn zugehen und ihm den Kopf mit den Fingern wegschnellen kann. Hinten hat er einen spitzen Buckel, der seinen ganzen Körper in sich aufgenommen zu haben scheint. Die grossen schwarzen Augen blicken spöttisch aus dem mageren Gesichtchen. Eine hohe Stirne hat er und einen Kahlkopf wie ein Greis. Und wenn dieser Junge einen Ton von sich gibt, so glaubt man, dass jemand seinen dünnen Hals in einer Türe eingeklemmt hat, und man ist von solchem Schreck und solchem Mitleid befallen, als fürchtete man, dass die Türe den Hals gleich abzwicken wird. Das ganze Jahr spielt der Junge keine besondere Rolle. Er treibt sich meistens auf der Strasse herum, denn er ist ein lebhaftes Kind. Man zertritt ihn nicht wie einen Wurm, weil er immerhin grösser ist als ein Wurrn und quietschen kann, wenn man auf ihn tritt.... Wenn er einmal seines* Mutter ein Stück Brot aus der Küche gestohlen hat und heimzun Mögen-Dowid - „Schild Davids", Hexagramm, religiöses und nationales Emblem.

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