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Neue jüdische Monatshefte · 1919-06-25 · Heft 18 (25.6.1919) · p. Seite 395

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 18 (25.6.1919)
Article
Er ist verschieden
Date
1919-06-25
Page
Seite 395 (sequence 3)
Language
German
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393 flüssterten die Lippen des kleinen Jungen, der sich gerade an diesen Vers der Schrift erinnerte. Und der kleine Junge lief weiter und immer weiter. Und ich setzte mich neben den Bach, der durch das Dickicht rieselte Ich zog mir die Schuhe aus und plätscherte im Wasser. Ein Frosch fing zu quaken an, und ich wurde nachdenklich. . . . Schöpfer der Welt! Wo bin ich? Was tue ich? Halb im Traume ass ich meinen Beugel mit Ei. Dichter Nebel stieg aus dem Wasser und legte sich mir auf die Augen. Ich sah mich von Wolken umgeben, die Augen fielen mir zu, mein Kopf sank wie ein Stück Blei immer tiefer und tiefer ins grüne Gras. ... Als ich erwachte, war es noch dunkler geworden. Die Sonne war wohl schon im Sinken. Ich bekam plötzlich Herzklopfen. Und ich lief atemlos nach Hause, nach Hause. Dicke Schweisstropfen standen mir auf der Stirne, als ich aus dem Walde herauskam. Es war zwar noch nicht so spät, v/ie ich geglaubt hatte, und doch klopfte mir das Herz so wild, als ob ich ein Verbrechen begangen hätte. Das war doch kein Spass: der Rebbe, der Cheder und schliesslich die Mutter mit ihren ernsten kalten Augen — das alles sah ich vor mir. Jetzt reute mich /die Dummheit, die ich begangen hatte. Den ganzen Tag nicht im1 Cheder gewesen, einen ganzen Tag nichts getan ,— früher oder später wird es die Mutter doch erfahren. Wer weiss, vielleicht weiss sie es schon jetzt? Es kann gar nicht anders sein, sie weiss es schon längst! ... Und wie ich wieder durch die Sandgasse und die Schulgasse lief, schwindelte es mir im Kopfe, und alles drehte sich um mich herum. Nun bin ich schon auf der Brücke, und weiss noch immer keine Ausrede. Soll ich ihnen erzählen, wie schön es drausfeen im Walde war? Und ich lief immer weiter und weiter und war schon im schmalen Gässchen, in dem unser Hau^ steht. Soll ich ihnen erzählen, wie eng und dumpf es im Cheder ist? Und ich lief immer weiter und weiter. Nun bin ich schon an der Schwelle unseres Hauses. Das Herz klopft mir unbändig, und es ist mir dunkel vor den Augen, Ich ergreife die Türklinke, einen Augenblick später bin ich schon in der Stube. Vater sitzt auf dem Sofa am Tisch und liest im „Heiligtum Levis", und Mutter sucht ihre Schlüssel. ... Warum bin ich zurückgekehrt? Warum bin ich nicht weiter durch den Wald gelaufen bis zu den „Bergen der Finsternis?" „Wo warst du den ganzen Tag? Im Cheder?!" fragte mich die Mutter ruhig und streng. Es schwindelte mir im Kopfe, ich schloss die Augen. . . . „Er ist verschieden!" kam es mir plötzlich von den Lippen. Wenn man „Er" sagt, wissen alle, wen man meint. „Er" ist der Zaddik von Smilow. Ich weiss auch heute nicht wie dieser Oedanke in meinem Kopfe entstand. Ich weiss nur, dass als ich zitternd vor mjeiner Mutter stand

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