Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 18 (25.6.1919)
- Article
- Er ist verschieden
- Date
- 1919-06-25
- Page
- Seite 394 (sequence 2)
- Language
- German
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392 Die Luft war voller Süsse und Duft, der Sommer schwebte auf alten Dingen. Wo jetzt weisse Schneeflocken fallen, flatterten und zwitscherten damals Vögel. „Marsch in den Cheder!" Die Worte der Mutter klangen;mir immer in den Ohren. Ich seufzte tief auf und ging. Und wie ich über die Brücke kam, erblickte ich in der Ferne, den grünen Wald, der dicht vor unserem Städtchen liegt. Und die Bäume winkten mir zu und riefen mich zu sich. „ Soll ich? Soll ich nicht? ... Nun begann ich mit meinem kindlichen Verstand zu grübeln und zu philosophieren. Ich wusste etwas vom „Outen Trieb" und1 vom „Bösen Trieb". Es kam mir aber vor, dass es gerade der „Gute Trieb" war, der mich in den Wald trieb. Als ich durch die Schulgasse ging, hatte ich wirklich die Absicht, in den Cheder zu gehen. Ich weiss auch heute nicht, wie es geschah: plötzlich ging ich durch die Sandgasse weiter/und immer weiter in der Richtung zum Wald. Einige Minuten später war ich schon dort. Der Wald rauschte über meinem Kopfe, und ringsum war es dunkel und still. Ein Geheimnis schwebte durch die Luft, und ich lauschte und kuschte. . . . Stellenweise brachen durch das; Dunkel lachende Sonnenstrahlen, wenn ich aber einige Schritte weiter ging, war alles wieder dunkel und still. Tausende Mücken und kleine Fliegen flogen summend mir dicht vor den Augen, und ich ging immer weiter und weiter. Den Cheder hatte ich vergessen, wie man einen Verstorbenen vergisst. Alle Wege, wie die graden, so auch die krummen, kannte ich gut noch Yom letzten Lag-b'Ejmer1) her. Und ich ging immer weiter. Ich zog mir Rock und Weste aus, nahm sie auf den Arm und lief halbnackt welter. In einem grünen Winkel entdeckte ich eine wahre Schatzkammer von Schwämmen. Plötzlich hörte ich jemand singen und wandte mich um. Da musste ich über mich selbst lachen: ich hatte selbst gesungen und wusste es nicht. Und an eLner anderen Stelle fand ich eine Unmenge Blaubeeren, und ich bückte mich,' um sie zu pflücken. Dann hörte ich jemand pfeifen, es klang so schön und süss. Diesmal war ich es aber aldit: als ich mich umblickte, sah ich einen kleinen Bauernjungen mit einer langen Peitsche vorbeilaufen. Etwas weiter sah ich eine gelbe Kuh mit einer Glocke am roten Band. Und noch weiter sass ein kleines Madchen und wand einen Kranz. Aber noch einige Schritte weiter war ■edhon-alles wieder dunkel, still und grün. Ueberall mächtige schlanke -Bäume, über mir ein niederes; grünes Laubdach. Oben in den Zweigen schrie ab und zu eine Krähe, Eine Weile hörte ich sie schreien, und . dann war alles wieder still, unheimlich still. Zwischen den Bäumen! haschte ein Eichhörnchen vorbei, gleich1 war es wieder verschwunden, . nad alles lag wieder so unheimlich da. „Es ist. eine heüige Statte!'4 i) Lag-b'Ejmer^ — der 33. Tag nach Pessach. An diesem Tag haben dse Schulkinder frei und begeben sich meistens ins Grüne.