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Neue jüdische Monatshefte · 1919-06-25 · Heft 18 (25.6.1919) · p. Seite 389

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 18 (25.6.1919)
Article
Die Tänzerin Debora
Date
1919-06-25
Page
Seite 389 (sequence 3)
Language
German
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387 Amerikaner. Während des ganzen Abends hatte Debora mit niemand anderem getanzt. So geht es seit einem Monat. Viele gingen ins Kabaret, um den sonderbaren Amerikaner zu sehen. Wie keusch unterwürfig er diet Taille seiner Freundin umschlingt, mit welch zärtlichväterlichem Auge, er sie betrachtet. Befinden wir uns im prachtvollen Saal eines alten gräflichen Schlosses und nicht im vergoldeten Haus des Schmutzes und der- Ausgelassenheit? Der Amerikaner mit dem hübschen grauen Kopf und ernst-traurigen Gesicht ignoriert vollständig sein« Umgebung. Er will nichts sehen. Er tanzt mit Debora bis zwölf und führt sie wie eine Königin zum Tisch, wo ein überreiches Abendessen serviert (wird'. Nur für -sie allein. Ein grosser Strauss wird hereingebracht, wunderbare rote Rosen. Die Paare im Saal drehen sich weiter, die Musiker spielen ihre rührende Romanze. Ich sitze in einer Ecke und starre in die -entgegengesetzte Ecke, wo Debora sitzt Sie isst mit Hunger, fasst mit Gier. Das harmoniert nicht zu der Eleganz ihrer Gestalt, zu ihrem wunderbaren zarten Gesicht. Als räche sie sie!5 für den alten Hunger. Ich fahre fort, sie starr anzusehen. Debora fühlt den Blick und hebt ihre immer etwas verwunderten und verschämten Au£en. Debora, die berühmte Schönheit und berühmte Tänzerin, die wahnsinnige Summen verdient, besass ausser bezaubernden Füsschen noch dieses Paar immer etwas verwunderter, immer etwas verschämter Augen, die alle Menschen verrückt machten. So blickt sie zu mir herüber und iächelt: „Sie erkennen mich, sagt dieses Lächeln. — „Ja, jawohl, ich bin aus Aneschta in Bessarabien. Sie kennen doch sicher Aneschta?1' Ie*h telegraphierte durch einen mitfühlenden Blick: „Ich weiss, Debora." Und nicht nur das, ich kann Ihnen alle Etappen fhres Lebens erzählen. Aber, dass Sie lächeln, dass Sie fortfahren zu lächeJn, wie damals, als Sie noch lein armes jüdisches Mädchen in Aneschta waren, das ist lieb %on Ihnen. Und wenn Ihr Amerikaner, der Sonderling, nach dem Abendessen sich in seinem Auto entfernt . . . allein, dann kommen Sie an mein Tischchen, ich will Ihnen die Hand drücken." — Ei, ei! Was ist da los? Debora wurde ganz traurig, sie legt sogar die Gabel beiseite, vergisst den neben ihr sitzenden Amerikaner, stützt die Wange mit der Hand genau so wie damals, als sie noch ein kleines Mädchen war und es liebte, am Freitag, nach Sonnenuntergang auf der Schwelle des kleinen Häuschens zu sitzen. Und ihre Augen begannen zu reden, „Und wenn man sagt, ich habe einen Griechen zum Liebhaber, der mich schlecht behandelt und mir mein Geld wegnimmt, glauben Sie das alles nicht. Er ist nur etwas zu eifersüchtig, was wahr ist — ist wahr. Und nun ist es Krieg, und ich habe seit langem keine Nachricht von den Mein igen aus Aneschta. Ich weiss nicht, ob mein Bruder Jascha sein Examen für die sechste Klasse bestanden hat, und ob Dina, meine Schwester, nach Kijew gereist ist, um das Studium im zahnärztliche Institut aufzunehmen. Ich schickte Geld und drang darauf, dass Dina und Jascha studieren. Ja. Hier ist das Essen sehr gut. Und der Amerikaner, das ist nur so. Er liebt mich, kauft mir Blumen, Geschenke und entfernt sich dann immer . . . allein. Und was den Griechen betrifft, so ist das alles nicht wahr. Ach, Aneschta! Wie gerne möchte ich

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