Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 18 (25.6.1919)
- Article
- Die Tänzerin Debora
- Date
- 1919-06-25
- Page
- Seite 390 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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388 es, wenn auch nur für einen kurzen Augenblick, wiedersehen. Vor S^bbathantritt strich ich immer unsem Boden mit rotem Lehm an. Und wenn der Boden wieder getrocknet war, trat der Vater herein, setzte sich an den runden^ Tisch und begann in einem dicken Buch zu lesen. Und dann . . . dann . . . reiste ich fort — nach Odessa." Plötzlich sprang Debora von ihrem Platze auf, trat in die Mitte des Saales, schüttelte den Kopf und begann zu tanzen, wie man eben Vor Männern tanzt, die an Mannortischen sitzend Likör trinken. Nur das Lächeln, das alte wunderbare Lächeln wollte nicht ihre Lippen verlassen. [ ... Ich wanderte lange durch die Strassen. Vor dem Tor eines Hauses sah ich einen schönen, arrogant aussehenden Mann, mit riesigen schwarzen Augen, gepflegt, elegant. Mit herrischer verdriesslicher Stimme sprach er zu einer mittelgrossen Frau, die still neben ihm stand.1 Debora. Und ihr Tyrann. Es gab keine Tänzerin mehr, es gab nur eine jüdische Tochter aus Aneschta, die den Boden mit rotem Lehm gestrichen. Und wenn der Boden trocken war, kam der Vater, schlug das dicke Buch auf und las laut daraus mit singender Stimme. Und sie, Debora, sass im sauberen Waschstoffkleid, die Wange mit der Hand gestützt und träumte von Odessa.... Ein kalter, starker Wind erhob sidi. Ich stellte den Kragen meines Mantels auf und schritt in der Richtung zum Bahnhof, um mit dem ersten Morgenzug abzureisen. Ich wäre der erste Schuft der Welt, wenn ich nicht über das Schicksal der jüdischen Tochter nachgedacht hätte. Aber ich tat es. Ich dachte über den schrecklichen Krieg nach, über die Hunderte jüdischer Städte und über ... die Deboras und Chawäs. Die Bibel als methaphysisches Dokument Von Arno Nadel, Berlin I. s sind zur Bibel die verschiedenartigsten Kommentare geschrieben , worden — auch theosophische. Weil das Buch der Bücher soviel Heil in sich barg, suchten die tiefsten Menschen aller Zeiten nach den „Mysterien" der Bibel, aus denen dieses Heil emporstieg. Man weiss, dass die jüdisdhen Erklärer so weit gingen, nicht nur jeden Satz, jedes Wort, sondern sogar jeden Laut des grossen Gotteszeugnisses für inhalts- und gehaltsreich anzjuseheft und dementsprechend die heilige Schrift zu erläutern.' , Nun ist ein wesentlicher Unterschied zwischen anderen ältesten lind alten Texten, die von Qptt und, Gottheit zeugen, und unserer Bibel, — etwa, um es gleich zu sagen: zwischen heiligen indischen oder chinesischen Texten und denen des Bibelbuches. Jene sind voll von theosophischen, das heässt im weitesten Sinne gotteswissenschaftlichen Andeutungen und Offenbarungen, diese aber sind arm an solchen. Ich zitiere die drei ersten Strophen des berühmten und gewaltigen Sdiöpfungbhymnus aus dem Rigveda: