Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 18 (25.6.1919)
- Article
- Die Tänzerin Debora
- Date
- 1919-06-25
- Page
- Seite 388 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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386 sie; gewiss, ich sah sie tausendmal, wie viele ihr ähnliche Deboras. Dasselbe schöne, ein wenig "traurige und ängstliche Lächeln sah ich an der Sdrwelle der kleinen Häuschen in den jüdischen Städten Litauens, Bessarabiens und Polens. Freitag war es, nach Sonnenuntergang. Debora sass in ihrem Waschstoffkleid^ die Wange auf die Hand gestützt und lächelte. Worüber lächelte sie? Ueber ihre Mädchengedanken? Ueber den Sabbath? Oder über den Brief ihrer Freundin, einer Modistin in Odessa? Am ehesten lächelte sie wohl Odessa selbst zu, dieser phantastischen Stadt,... Wo traf ich Debora noch?- Ich traf sie in Wilna, als sie die Tabakfabrik verliess; im Hafen von Libau, von wo aus sie nach Amerika reiste. Auch da, obwohl ihre Augen geschwollen waren von Traunen, lächelte sie so wunderbar, rührend, zärtlich, jüdisch-traurig. Ich betrachtete die Photographie und dachte: vielleicht ist diese Debora eine der Töchter des unvergesslichen, jedem Juden so nahen Tewje Molotschnik. Und sie heisst Chawä. Ja, Chawä, die begabteste, hübscheste der sieben Töchter Tewjes', von den er uns mit soviel Liebe und soviel Trauer erzählte. Aus diesen Erzählungen wussten wir nur, dass sich Chawä in Chwedjko Galagan verliebt hatte. Und obwohl ihr das väterliche Haus das teuerste war in der ganzen Welt, verliess sie dennoch ihres Vaters Haus, weil Tewjas Töchter, wenn sie jemand lieben, alles andere vergessen.... Wir wussten ferner, dass sie es dann bereute, dass sie einmal ihren Vater, als er im nahen Stadt Wäldchen an ihr vorbeifuhr, händeringend anflehte, stehen zu bleiben und sie anzuhören. Aber er wollte sie nicht anhören, denn in diesem Augenblick war er nicht der zärtliche, weichherzige Tewje, sondern der ewige Jude, streng und schonungslos, selbst gegen seine allernächsten, wo es um den Olauben ging. Damit, wie Twje seine flehende Tochter, ohne sie anzuhören, stehen gelassen, schloss die Erzählung. Was folgte aber weiter? Weiter .....weiter .... Chawä hat längst den Dorfburschen Chwedjko Galagan vergessen. Sie war in der glanzvollen Grosstadt, und die Menschen bewunderten ihre Schönheit, ihre Talente. Und die Menschen kauften ihre Schönheit und ihre Talente. Wie vieles hat sich seither verändert. Unverändert blieb nur ihr Lächeln. Dasselbe alte Lächeln. Wie behieltest <£u dieses reine, zärtliche Lächeln, bei diesen üppigen Toiletten, bei diesen vorgestreckten Füsschen, sag Chawä Debora, du verstossene Tochter des Juden Tewjes? Und ich begab mich in das Kabaret, vor deren Türe eine grosse Laterne hing. Dort drehten sich die Paare bei sentimental - trauriger Musik. * Sie schwebten, d|ie Köpfe ein wenig auf die Seite geneigt, und die Augen halb geschlossen, dahin. Es dürfte erst lärmend-lustig zugegangen sein. Aber nun gelüstete es diese traurig-einsamen Kinder der Lustigkeit mach etwas Trauer. Der Mensch kann nicht ohne Trauer leben. Die Trauer ist eine der wichtigsten Elemente der menschlichen Seelei Die braven, als Rumänen verkleideten Musiker, verstanden den Lsidsrj^haftssturm des Zigeuners mit der zarten Elegie des moldavanischen Hirten zu vertauschen und' diese wieder mit der ebenso elegischen Romanze. Beim Klang dieser Romanze, abseits von den anderen, wie eine etwas traurige Königin, tanzte Debora mit. ihrem Freund; einem dicken