Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 18 (25.6.1919)
- Article
- Fragen des Galuth
- Date
- 1919-06-25
- Page
- Seite 380 (sequence 4)
- Language
- German
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37S tioütrtlst, wie gesagt, eine allgemein' zugängliche, insbesondere die Jugend anziehende, jüdische Volks- oder Qemeindehochlschule, die so beschaffen sein miiss, diass sie selbst in kleinen Gemeinden ohne Schwierigkeit unterhalten werden kann. Und dies ist möglich, wenn sie jeweito den Rabbiner zum Leiter und Hauptlehrer hat. Wir müssen also die alte Bethhamidrasch-Institu tion in modemer Form wieder herbellen. Das BethhamMrasch nruss wieder den eigentlichen Mittelpunkt der Gemeinde bilden. Hier soll das Judentum von neuem seine Pflegestätte haben. Hier sollen wenn möglich alltäglich bzw. alllabendlich in gemeinverständlicher Weise Vorlesungen, Vorträge, Kurse, Referate mit Diskussionen, seminarartige Uebungen, „Schuirim", Lesestunden usw. abgehalten werden, die in ihrer Gesamtheit dasganze Gebiet der gdstig-kulturellen Galutharbeit umfassen. Auch die jüdische Kunst mus® kn Bethhamidrasch sorgfältige Pflege' finden. Eine, wenn auch1 nicht immer grosse, Bibliothek muss in der Gemeindehochschule vorhanden sein, jüdische und hebräische Zeitungen zum Lesen aufliegen. Im modernen Bethhamidrasch soll sich die Jugtnd wohl und heimisch fühlen; es solF der Lebens« quell des neuen Judentums sein, wie «das alte Lehrhaus der des früheren Judentums war. Wir sagten, die Gemeindehochschule ist dem Rabbiner zu übertragen. Das heisst nicht, dass er nebenbei an ihr einige Vortrage und Kurse hält, wie es gerade seine Zeit erlaubt, sondern wir meinen, dass die Bethharnidraschiätigkeit seine berufliche Haupttätigkeit werden soll. Es sei einmal offen ausgesprochen: der Rabbinerberuf in Deutschland «— bei der Orthodoxie mögen die Dinge um ein weniges besser liegen '— hat eine höchst unerfreuliche Entwicklung genommen. Die Amtstätigkeit des Rabbiners besteht vornehmlich im Predigen beim Säbbat- und Feiertagsgottesdienst sowie bei „Kasualfällen", sodann in der „Seelsorge". Dazu kommt der Religionsunterricht an höheren Schulen. So erspriessiich die letztere Tätigkeit für das Judentum sein kann, so unerspriesslich sind im allgemeinen die beiden ersteren Funktionen des Rabbiners. Die Predigt vermag zweifellos das sonst fast rein musikalische Repertoir des öffentlichen Gottesdienstes etwas abwechslungsreicher zu gestalten, sie vermag wohl auch gelegentlich zu „erbauen", aber ihre Hauptaufgabe erfüllt sie, •wie die Erfahrung eines Jahrhunderts lehrt, nicht: eine Mehrung des jüdischen Wissens, eine Vertiefung der Liebe und Treue zum Judentum, »eine Bereicherung und Hebung des jüdischen Lebens hat sie nirgends bei uns zustande gebracht. Und die „Seelsorge" des Rabbiners erschöpft sich hauptsächlich in einer endlosen Abstattung und Entgegennahme von Besuchen, wozu nicht eben das RabbinerdipLom als unerlässliche Voraussetzung erscheint: häufige, oft mit stundenlangen Fahrten oder Fussgängen verbundene Besuche von Irrenanstalten, Krankenhäusern, Gefängnissen usw. einerseits, Besuche bei Gemeindemitgliedeni in Krankheitsfällen und aus allen möglichen sonstigen Veranlassungen andererseits. So ist der moderne Rabbiner immer beschäftigt, oft angestrengt beschäftigt, und doch im höheren Sinne untätig. Die wahre Bestimmung des Rabbiners ist und bleibt es, der öffentliche L ehrer des Judentums zu sein. Die geistig-