Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 18 (25.6.1919)
- Article
- Fragen des Galuth
- Date
- 1919-06-25
- Page
- Seite 381 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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379 kulturelle Galutharbeit, die wir fordern, hat der Rabbiner zu leiten, mag er es in orthodoxem oder liberalem Geiste tun, in 'dogmatisch gebundener oder in wissenschaftlich-kritischer Weise. Er ist von rechtswegen nicht Kultusbeamter noch Prediger, nicht Seelsorger oder gar Priester, sondern G e 1 e h r t e r u n d V o 1 k s 1 e h r e r. Ihm lobliegt vor allem die Hebraisierung, die Judaisierung seiner Gemeinde und ihre seelische Verbindung mit dem jüdischen Kulturzentrum Palästina. Er hat sich für diese Ziele der Galutharbeit womöglich auch über den engeren Kreis seiner Gemeinde hin* aus literarisch zu betätigen. Er muss ständig arbeiten nicht nur an der Vertiefung und Erweiterung seines jüdischen Wissens, sondern ebenso an der seiner allgemeinen wissenschaftlichen Bildung. Nur so wird er imstande sein, die öffentliche Lehrtätigkeit derart zu gestalten, dass sie dauernd seine Hörer fesselt und zur eigenen Mitarbeit anregt. Diese ganze Tätigkeit des Lernens und Lehrens, die Leitung der Gemeindehochschule und die literarische Arbeit, wird so viel Zeit und Anstrengung erfordern, dass der Rabbiner von allen anderen Berufsobliegenheiten tunlich zu befreien ist. Grosse Gemeinden können leicht, wie man schon vorgeschlagen hat,8) die Aemter des Predigers urfd Seelsorgers von dem des öffentlichen Lehrers trennen. In kleinen Gemeinden mag die Predigt und die „Seelsorge" wenigstens teilweise dem Lehrer-Kantor übertragen werden, dessen Ausbildung unsehwer bezüglich erweitert werden kann. Aucili /die Ausbildung des Rabbiners selbst wird gewisse Aenderungen erfahren müssen, wenn er seinem 'altneuen Beruf des öffentlichen Volkslehrers gerecht werden soll.9) Wird die jüdische Volksbildung in Deutschland dergestalt durchgeführt, und erhält sie durch eine entsprechende Tätigkeit der verschiedenen Jugend- und aller sonstigen irgend iu Betracht kommenden Verbände, darunter besonders der nationalistisch gerichteten, ihre notwendige praktische Ergänzung, so lassen sich, wie ich glaube, allmählich die drei Hauptziele der Kulturarbeit des westlichen Galuth erreichen. Es wird gelingen, eine neue, von jüdischem Geist und Wesen mehr erfüllte Jugend "heranzubilden und den Durchschnitts-Typus des westlichen Diasporajuden zu erhöhen. Auf eine jüdische Vollkultur müssen wir in Deutschland ein für allemal verzichten, ein Volljudentum kann es einzig in Erez Israel geben, dem nationalen Zentrum des jüdischen Volkes. Sorgen wir wenigstens, dass aussen im Lager viele Eldads und Med ad s erstehen! s) Vergl. Franz Rosenzweig, Zeit ist's . . ., Verlag der Neuei! Jüdischen Monatshefte. v) Die Ausbildung der Rabbiner ist ein Thema für sich. Es liegt ein Geheimnis vor, doch der Wissende versteht — würde Abraham I b n E s r a etwa sagen.