Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 17 (10.6.1919)
- Article
- Menachem Mendel, der Pazifist
- Date
- 1919-06-10
- Page
- Seite 375 (sequence 4)
- Language
- German
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373 wartete. Ja er wertete. Besonders" auf die Antwort des Papstes. Und als doch keine kam, schrieb er noch einmal, und dann wieder und wieder. Den Kardinälen und Sekretären des Kardinals dürfte die Schrift schon bekannt geworden sein. „Wieder ein Brief von. diesem Sonderling Menachem »Mendel", sprachen sie wohl zu einander. Jemand schlug vor, diese Briefe ungeöffnet in den, Papierkorb zu werfen. Zum Teil wurde dieses Projekt sogar durchgeführt, aber Menachem Mendel setzte sein Briefschreiben fort. Je mehr der Vatikan sich sträubte, zu antworten, umsornehr bestand iMenachem Mendel darauf. Es entbrannte ein — m!an kann sagen —- verzweifelter Kampf, der mit einer völligen Kapitulation des Papstes endete. Eines schönen Morgens bekam Menachem Mendel einen Brief vom Kardinal Kastori, in dem ihm mitgeteilt wurde, dass der heilige Vater sich 'wegen des Unglücks, das über die seinem Herzen so teuren Völker hereingebrochen, tief grämt und um einen baldigen Frieden für die gequälte und leidende Menschheit betet. Menachem Mendel protzte nicht mit diesen Briefen, machte nicht mit ihrer Hilfe Karriere. Er teilte nur in den von ihm einberufenen Versammlungen mit, dass an einer Unterstützung von seiten des Papstes kein Zweifel bestehe und er dafür ernste — ja, ja, er kann wohl sagen — sehr ernste Beweise habe. Er berief Versammlungen ein. Er trieb es so weit, dass die Zeitungen über ihn zu schreiben begannen, wohl etwas ironisch, zuweilen sogar höchst ironisch, aber das war gleich: man schrieb. Es war belanglos, dass gerade über ihn geschrieben wurde, wichtig war, dass der Idee die Bahn freigelegt wurde. Menachem Mendel merkte nichts von der Ironie. Er war jedesmal beim Erscheinen einer neuen Notiz über ihn in einer Zeitung voll Begeisterung und rief: „Die Oeffentliclikeit beginnt sich für unsere Sache zu interessieren". In diesem Sonderling war der Glaube an die öffentliche Meinung so stark, dass ihn die Resolution einer sich langweilenden und gähnenden Versammlung zu gunsten einer raschen Beendigung des Krieges befLügeln konnte. Dieser Glaube verzehnfachte seine Kräfte, ermunterte ihn unendlich. Um diese öffentliche Meinung zu gewinnen, gab er sfreh die grösste Mühe. Er suchte alle Berühmtheiten zu erreichen, um ihnen seine pazifistischen Theorien auseinanderzusetzen. Er kostete dem Präsidenten der Schweizer Republik manche Stunde. Es gab auch solche' Stellen, wo man ihn sehr ungern sah und ihm gelegentlich mit einem Hinauswurf drohte. Aber Reisende und Schwärmer machen sich bekanntlich nichts aus solchen Lappalien. Die ersten aus Arroganz, die anderen aus kindlicher Naivität und Treuherzigkeit. Wenigstens dachte Menachem Mendel, als er die Treppe hinunterflog, weder an Rache, noch an die Grausamkeit der Wirte. Er flog einfach abwärts und ihm schien, als trügen ihn seine eigenen Gedanken irgendwohin weit, sehr weit fort . . . Selbstredend stand Menachem Mendel in eifriger Korrespondenz mit Luzatto. In diesem sah er gewissermassen den Stolz der Familie und erlaubte sich ihm gegenüber ganz intime Ergüsse. In langen Briefen unterhielt er sich mit dem italienischen Staatsmann, ganz herzlich, einfach, wie sich ein Jude mit einem anderen Juden unterhält, Zuweilen verstieg sich Menachem Mendel zu Schroffheiten. Er drang in Luzatto, forderte von ihm energischere pazifistische Taten. Eine Antwort bekam er von Luzatto, von ein paar Dankzeilen des Sekretärs abgesehen, nie, aber das irritierte ihn nicht im geringsten. Eine Zeitlang trug er sich mit dem Gedanken, überhaupt nach Italien zu übersiedeln. Denn in bezug auf dieses Land war er ganz ruhig. Italien wird nicht in den Krieg eintreten! Ueber den Grund seines Optimismus befragt, lächelte er herablassend wie einer der