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Neue jüdische Monatshefte · 1919-06-10 · Heft 17 (10.6.1919) · p. Seite 373

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 17 (10.6.1919)
Article
Menachem Mendel, der Pazifist
Date
1919-06-10
Page
Seite 373 (sequence 2)
Language
German
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371 mit einem zweiten zusammenstösst oder eine Prozession als lange« lebendiges Band aus Menschen den Weg durchkreuzt; wenn Jemand auf der Strasse ohnmächtig wird und hinfällt und zwar so offen und laut hinfällt, dass es unmöglich wäre, nicht stehen zu bleiben, ihn nicht aufzuheben und ihm nicht zu helfen. War so ein solider, ruhiger Burger genötigt zweimal auf der Strasse halt zu machen, fordert er, dass seine Zeitung unter anderen bemerkenswerten Tagesereignissen auch dieses erwähnt. Er kann übrigens überzeugt sein, dass die Redaktion bereits in Kenntnis gesetzt ist, und dass sie nicht unterlassen wird, die Sache in einer Notiz zu berichten. Die Welt wird nicht in Unkenntnis darüber bleiben, dass in dem und dem Stadtteil der Verkehr an diesem Tage nicht ganz richtig funktioniert hat. Denn wenn er richtig funktioniert hätte, wäre der Bürger im Stande gewesen, ungestört gehen zu können wohin er vorhatte und hätte nicht nötig gehabt, zweimal mitten auf der Strasse stehen zu bleiben. Zweimal! Aber jenes hagere, kleine, plötzlich aufgetauchte Geschöpf bleibt hundertmal stehen. Sein Gehen ist überhaupt gar kein Gehen, es ist ein Silbenrätsel, ein kompliziertes Spiel. Me na ehern Mendel schreitet im Zickzack, hüpft, macht plötzlich halt und beginnt an seinem kleinen Darlehen zu zupfen, mit ihm Zwiegespräche zu führen. Dann beginnt er wieder zu laufen wie von einer Panik erfasst und zugleich im Fluge die Schilderaufschriften zu lesen. Was Wunder, wenn er mit schielenden Blicken angesehen, als unerwünschter Fremder, als Schieber, Schmuggler betrachtet wird. Welcher Irrtum, welches Verkennen seines Wesens! Ein ganz anderer ist es, der die Waren schiebt und schmuggelt und dieser andere — seien sie dessen sicher — sitzt ruhig in seinem Ledersessel und führt nur telephonische Gespräche. Menachem Mendel ist einfach ein Pechvogel, ein Schlemihl, ein Phantast. Und wenn er immerzu rennt, so ist es weil er von seiner Phantasie getrieben wird'. Wenn er aber stehen bleibt, so ist es wieder nur, weil seine Phantasie ihm zuruft: „Menachem Mendel halt! Wir müssen es uns überlegen". Zum überlegen gibt es wahrlich genug. Nichts wäre irrtümlicher als die Annahme, Menachem Mendels Phantasie sei nur mit ihm selbst beschäftigt oder mit der Frage der Ernährung seiner Familie. Nein, sie ist oft, allzuoft von Weltfragen ausgefüllt. Wäre er befragt worden, würde er erzählen können, wie er sich eine bessere Einrichtung der Welt und ein besseres Zusammenleben der Menschen denkt. Niemand fragt ihn danach, aber er selbst ist unausgesetzt mit diesen Fragen beschäftigt und seine Phantasie malt die reichsten Figuren. Oh, die Phantasie des Menachem Mendel, die jüdische Phantasie! Wie wenig ist nötig, um einen Juden nachdenklich, träumerisch zu machen. Das ist vielleicht eine seiner schönsten, seiner gross artigsten Besonderheiten. Ein Klassiker der jüdischen Literatur, einer der das alte jüdische Leben von der düstersten, härtesten Seite gezeichnet, der so gern geisselte, so gern bös satirisch war, der sieine Juden wirklich nicht geschont hat, Abramo witsch, schildert uns, wie ein Jude, wie ein ganzes Judenstädtchen plötzlich zu träumen beginnt. Wer erinnert sich nicht der Geschichte mit den Datteln, die ein Reisender einmal nach Tunejadowka mitbrachte. „Zufällig, erzählt Abramo witsch, brachte jemand in die Stadt eine Dattel. Wie sie alle zusammenliefen um dieses Wunder zu sehen, wie sie die Bibel aufschlugen um nachzulesen was dort über die Dattel gesagt ist. Man denke — eine Dattel! Eine Frucht aus Palästina. Diese Frucht betrachtend, hatten sie Palästina selbst vor ihren Augen. Hier überschreitet man den Jordan, hier ist Raheis Grab, die Mauer der Tränen, da badet man in den warmen Wässern des Tiberias, da steigt man

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