Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 17 (10.6.1919)
- Article
- Menachem Mendel, der Pazifist
- Date
- 1919-06-10
- Page
- Seite 372 (sequence 1)
- Language
- German
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370 Menachem Mendel, der Pazifist*) Von Seh. Gorelik, Berlin I. 4|»»fl^ rst in Genf wurde es mir klar, dass ich in Clarence und Montreux |p gewissermasseri von völliger Dunkelheit und Unkenntnis der Gescheh- £2*°*^ nisse umgeben ,war. So wiusste ich z. B. nichts davon, dass unser -geliebter, teurer Menachem Mendel, unser Nationalheld, verewigt von der genialen Feder des~unvergesslichen Scholem Aieichem, sich bereits in der Schweiz aufhielt. Mehr als einmal dachte ich zwar an ihn, mehr als einmal fragte ich mich, wo mag denn Menachem Mendel jetzt sein, und was mag er tun. Ich ahnte aber nicht, dass er schon längst hier war, d'ass er bereits eine fieberhafte Tätigkeit in verschiedenen Richtungen entwickelte. Dass er durch seine Unermüdlichkeit, durch seine Beweglichkeit eine gewisse Unruhe in der hiesigen ruhigen Bevölkerung hervorrief. E$ ist übrigens (notwendig, einige Worte über den Charakter unseres Menachem Mendel überhaupt zu sagen. Menachem Mendel kann (man gewöhnlich nur im Zustande des Laufens erblicken. Er ist ein Läufer par excellance <und nur die traditionelle Menschliche Undankbarkeit verhinderte es, dass er, der erstklassige Sportsman, noch nicht den ersten Meisterschaftspreis bekommen hatte. Er durchquerte Conünente und Gewässer und sein Kopf ist voll phantastischer Pläne. Die fremde Welt, die nichts von der Psychologie versteht, die für Psychisches kein Organ hat, sieht nur wie der gedankenbeschwerte Menachem Mendel an seinen Nägehi herumkaut und folgert daraus, dass dieser Jude etwas Unsauberes, etwas Böses im Schilde führe; dass er stets bereit sei, irgend jemand zu betrügen. Sie wissen nicht, dass hier vor uns der liebe, treue, unglückliche iMenachern Mendel ist, dessen Unglück darin besteht, dass er ein gütiges Herz, ein heisses Hirn und eine gewaltige, wahnsinnige Phantasie besitzt. Es ist ihm ein Bedürfnis immer etwas zu tun; er sucht nach Glück, selbstverständlich, tund seine Spezialität ist ewiger Wechsel des Berufes. In (einem Monat ist dieser jüdische Don-Qulschotte Heiratsvermittler, Hausierer, Kollektor, Börsenspieler, Zeitungsschreiber, Plantagenbesitzer, Reisender für Nähmaschinen. Er tut das alles, um seiner Frau und seinen zahlreichen Kindern Geld für den Lebensunterhalt zu schicken. Gelingt es ihm auch nicht immer, die Wahrheit gesagt höchst selten, so ist es nicht seine Schuld). Er gibt sich jedenfalls die erdenklichste Mühe und hat immer eine Million Kombinationen im Kopfe. Und nun wurde Menachem Mendel in seinem Lauf über die Erdkugel vom Krieg, vom europäischen Krieg \überrascht. Die Kriegswelle trug ihn wie so viele seiner Brüder in ein neutrales Land. Auf den Strassen von Kopenhagen, Stockholm; Haag, Zürich tauchte plötzlich eine Gestalt auf, die sich durch mancherlei von der einheimischen Bevölkerung unterschied. Ein Mensch von kleiner Statur, mit fieberhaft glänzenden Augen und merkwürdigem, wechselndem Tempo des Ganges. Bald lief er wie von Angst oder Panik getrieben; bald blieb er mitten auf der Strasse oder an der Ecke stehen, ohne jeden sichtbaren Anlass. Der geborene Züricher, gewohnt gelassen und behäbig seinen Weg zu gehen, langsam und ruhig seine Geschäfte zu überlegen, bleibt nur stehen, wenn etwas absolut Notwendiges oder Unerwartetes ihn dazu bestimmt: wenn ein Trambahnwagen ™ /);Aus dem demnächst im Jüdischen Verlag erscheinenden Buche „Fünf Jahre im Lande Neutralien". .