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Neue jüdische Monatshefte · 1919-06-10 · Heft 17 (10.6.1919) · p. Seite 367

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 17 (10.6.1919)
Article
Das Gefühl für die Sonne und die Pflanzen bei den alten Juden
Date
1919-06-10
Page
Seite 367 (sequence 2)
Language
German
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365 Vielleicht wird das alles nur gewohnheitsmässig und gedankenlos gemacht, während die Kommentare unsere Erfindung sind? Kch besitze handschriftliche Aufzeichnungen eines zum Christentum übergetretenen Juden aus den vierziger Jahren des XIX. Jahrhunderts, in denen über allerlei Wunderliches im jüdischen Ritus, das dem Autor selbst seltsam erscheint, berichtet wird. Unter anderem! erzählt er folgendes: „Allmonatlich versammeln sich die Juden an einem Neumondabend unter freiem Himmel und begrüssen gewissermassen den Mond. Es ist höchst interessant, idass sieüabei den Schutz des Mondes gegen ihre Feinde anrufen; am Schlüsse dieses Gebets hüpfen die Betenden gleichzeitig in die Höhe und sagen: ,Wie ich vor dir (dem Monde) hüpfe und dich nicht erreichen kann, ebenso mögen mich meine Feinde mit ihren bösen Anschlägen nicht erreichen'." Ist es nicht höchst sonderbar? Sie hüpfen vor dem Monde und tuscheln beinahe mit ihm! In diesem geheimnisvollen Verkehr mit dem Monde liegt etwas ungemein Liebliches und Anziehendes. Noch merkwürdiger ist es, dass man Andeutungen auf diese Sitte, die sich bis auf den heutigen Tag erhalten hat, bereits im Buche Hiob findet! Wir lesen, wie sich der Unglückliche, in der Ascjhe sitzend, vor seinen Freunden verantwortete: „Habe ich das Licht angesehen, wenn es helle leuchtete und den Mond, wenn er voll ging? Hat sich mein Herz heimlich bereden lassen, dass meine Hand meinen Mund küsse?" (Hiob 31,26—27.) Was bedeuten die Worte von der Hand und dem Mund im Zusammenhang mit dem „sich heimlich bereden lassen"? Madien wir nicht auch die gleichen Gebärden, doch nur auf ein schönes geliebtes Wesen gerichtet: „Ich liebe", doch heimlich und zurückhaltend? Haben wir denn niemals die Hand an das Herz gedrückt und den Mund mit der Hand geküsst, während wir den Mond am Himmel anblickten?! Und das tut der Greis, von dem der Herr selbst sagt:-„Es ist seines gleichen im Lande nicht, schiecht und recht, gottesfürchtig und meidet das Böse!" Aber nicht alle Juden waren so zurückhaltend wie Hiob. Hesekiel wirft ihnen vor: „Und der Geist führete mich in den inneren Hof am Hause des Herrn; und siehe, vor der Tür am Hause des Herrn, zwischen der Halle und dem Altar, da waren bei fünfundzwanzig Männer, die ihren Rücken gegen den Tempel des Herrn und ihr Angesicht gegen den Morgen gekehrt hatten, und beteten gegen der Sonne Aufgang... und hielten Weinreben an die Nasen____" (Hesekiel 8, 16—17.) Wir haben hier wieder ein Wunder vor uns, eine für uns unfassbare Einheit des Geruchsinns für die Natur: sie treten in einen Tempel, in eine Kirche, wenden sich zu dem strahlenden Gestirn; und da sie es weder zusich locken noch zu ihm hinaufspringen können, wie es die Wilnaer Juden an Vollmondabenden tun, nehmen diese ohnmächtigen und leidenschaftlichen Verehrer der göttlichen Schöpfung eine grüne Weinrebe in die Hand und riechen an ihr. „Auch in der Weinrebe ist die Sonne, ein Teil des Sonnenlichts!" Schliesslich kam es auch in die Kleidung und in den Schmuck: wir tragen an der Brust ein Medaillon und im Medaillon die schönen, geliebten Züge eines uns nahestehenden Wesens. Jesaja drohte einmal den Jüdinnen: „Zu der Zeit wird der Herr dca Schmuck der Fussfesseln wegnehmen, und die kleinen Monde und Sonnen...." (Kap. 3.) Sagen denn diese in Wilna, bei Hiob, Hesekiel

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