Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Monatshefte · 1919-06-10 · Heft 17 (10.6.1919) · p. Seite 366

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 17 (10.6.1919)
Article
Das Gefühl für die Sonne und die Pflanzen bei den alten Juden
Date
1919-06-10
Page
Seite 366 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2908689-2908735-2908747-2911897--2509-2911919
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

364 Das- Gefühl für die Sonne und die Pflanzen bei den alten Juden Von Wassili] Rosanow, Moskau (Deutsch von Alexa nder Eliasberg*) Wassilij Rosanow, der bedeutendste russische , Religionsphilosoph, ist jüngst von den Bolschev/icki in Moskau erschlagen worden. uf das Gefühl der Juden für das Licht (das physische, natürliche, solare) wurde ich zum ersten Male durch die Bestimmung der Zeit für das Morgengebet, das „Schma" aufmerksam gemacht. Diese Zeit ist weder nach der Sanduhr, noch durch den Sonnenaufgang oder durch die natürliche Beendigung des Schlafes bestimmt, sondern durch ein feineres und eine grössere Aufmerksamkeit gegen die Natur erheischendes Merkmal: der Jude trägt nämlich an den „Fittichen" seiner Kleider Quasten (Schaufäden), in denen ein Faden aus himmelblauer Wolle enthalten ist, und das „Schma" rnuss genau in dem Augenblick gesprochen werden, wo das Auge in der Morgendämmerung diese himmelblauen Fäden zu unterscheiden vermag. Dieses Gebot rührt von Moses selbst her: „Und der Herr sprach zu Mose: Rede mit den Kindern Israel und sprich zu.ihnen, dass sie sich Schaufäden machen an den Fittichen ihrer Kleider, sie und ihre Nachkommen, und eine Schnur von himmelblauer Wolle in die Schaufäden an, den Fittichen tun. Und sollen euch die Schaufäden dazu dienen, dass ihr sie ansehet und gedenket aller Gebote des Herrn." (2. Mos. 15, 37—39.) Eine gelbe, weisse oder graue Schnur unter schwarzen hätte dem1 gleichen Zwecke offenbar ebensogut dienen können; man wählte aber die blaue Farbe, die in der Morgendämmerung schwerer zu unterscheiden ist. Als wollte man damit sagen: „Gib dir Mühe, ersten Strahl zu erhaschen, den ersten blauen Streifen am Himmel, — den blauen Faden in den Schaufäden." Im täglichen Abendgebet, das natürlich viel später entstanden ist und nicht die mosaischen, sondern die allgemeineren jüdischen Empfindungen ausdrückt, lesen wir: „Gepriesen seiest du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der durch sein Wort die Abende dämmern lässt; mit Weisheit öffnet er die Himmelstore und mit Einsicht verändert er die Zeiten und wechselt die Zeitabschnitte; er ordnet die Sterne in ihren Wachten am Firmament nach seinem Willen; er schafft Tag und Nacht, rollt das Licht vor dem Angesicht der Finsternis weg und die Finsternis vor dem Antlitz des Lichts; so entführt er den Tag und bringt die Nacht heran und scheidet zwischen Tag und Nacht, Herr Zebaoth ist sein Name, Er, der lebendige und ewige, regiere über uns immer und ewig." Es steckt doch viel Natur darin, nicht wahr? Und die Natur ist hier in ihrem „Werden" und nicht iai ihrem „Sein" gesehen; nicht in einem Panorama, sondern in Bewegung, wie sie dem Herrn wie* die „Fittiche seines Gewandes" nachfolgt. Das Licht des Tages und das der Nacht, die Morgendämmerung und die Abenddämmerung, schimmern gleichsam hellblau wie die Fittiche des Herrn; der Jude sagt aber in seinem Gebet nichts anderes als: „Ich sehe Dich, ich sehe Dich, ich habe es nicht versäumt, Dich zu sehen; nicht Dich, Herr, sondern Deine Fittiche!"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.