Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 17 (10.6.1919)
- Article
- Fragen des Galuth
- Date
- 1919-06-10
- Page
- Seite 364 (sequence 5)
- Language
- German
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362 gründete unumgängliche Teilnahme an der jeweiligen Landeskultur dieser Forderung immer nur bis zu gewissen Graden praktisch gerecht werden Icönnen. Die lehre Klatzkins erhebt selbst keinen Anspruch auf allgemeine Oeltung. Si^ denkt an eine Elite des Volkes, die allein ihren Forderungen Genüge leisten könnte. Ich bezweifle, dass es in Deutschland je eine solche Elite geben wird, aber möglich ist immerhin die Existenz vereinzelter ,/Kannaim". Die zwei anderen Beantwortungen «Ter Frage sind meines Erachtens beide relativ richtig, wofern man sie nicht so sehr als Normen wie als Darstellungen wahrscheinlicher Zukunftstatsachen auffasst. Es wird gewiss viele deutsche Juden geben, die genau so denken, fühlen und ha|ndelin, wie es Lewin ausführt; aber es wird auch nicht wenig 'solche geben, auf welche die Darlegungen A ch ad iHaams zutreffen. Meiner Meinung nach ist die Frage für die deutsche und vermutlich für die ganze westeuropäische Judenheit sowohl normativ als deskriptiv überhaupt nicht generell, sondern nur individuell lösbar. Es Tcommt bei ihrer Beantwortung nicht allein auf die äusseren Verhältnisse an, sondern ausserdem noch wesentlich auf die persönliche Beschaffenheit des Einzelnen: auf ein seelisches Verhältnis zum Judentum und Deutschtum, auf sein Gemütsleben, seine Willenskraft, seinen Fleiss und Eifer, seinen allgemeinen Bildungsgrad, seine idealistische oder materialistische Veranlagung, seinen bürgerlichen Beruf usw. Sieht man <Ke Sache so an, dann ergibt sich ungefähr folgendes Zukunftsbild: Ein Volljudentum, d. h. volles jüdisches Kultur- oder Volksleben, das ja nicht lediglich aus „geistiger Kultur" besteht, vielmehr notwendig die „materielle Kultur" mitumfasst,. kann es einzig im jüdischen Lande, in Erez Israel, geben, wie z. B, polnische Kultur im vollen Sinne nur in Polen denkbar ist. Um ausschliesslich Jude zu sein, um als Volljude im strengen Sinne leben zu könnet', xnjusk man nach Erez; Israel gehen. Ein'anderer Weg existiert glicht. * w Kein Volljudentum, aber ein immer noch verhältnismässig reiches jüdisches Kulturleben wird in den Ländern mit dichter jüdischer Massenbevölkerung möglich sein. .Hier ist wenigstens teilweise die Voraussetzung einer jüdischen Volkskultur gegeben: eben das „Volk", die VoBcstnasse, einerseits und deren heute schon oder noch vorhandenes Leben in entwicklungsfähigen nationalen und religiösen Sonderformen. In diesen Landern wird meines Erachtens trotz Klatzkin das jüdische Leben den Einflüssen Erez Israels stark zugänglich sein und seinerseits gleichfalls Idem nationalen Zentrum wichtige Gegendienste zu leisten vermögen. " Anders liegen die Dinge in den Ländern mit dünner, schwacher füdiischer Bevölkerung, also z. B. in Deutschland. Hier halte ich die Entstehung einer lebendigen jüdischen Kultur für ausgeschlossen, schon allem wegen des Fehlente einer Masse als Trägerin. Dagegen ist die Mo^isclikeit einer intensiven Anteilnahme von Individuen als solchen bezw. von grösseren oder kleineren Individuen g r u p p e n an der anderwärts blühenden jüdischen Kultur durchaus vorhanden, mit der Einschrän-