Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 17 (10.6.1919)
- Article
- Fragen des Galuth
- Date
- 1919-06-10
- Page
- Seite 365 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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363 kling jedoch, dass es sich — abgesehen von finanzieller und beratender Beteiligung1 an dem anderwärts existierenden jüdischen Leben — nur um die geistige Kultur handeln kann. Je nach individueller Beschaffenheit und Momenten persönlicher Art, wie es vorhin angedeutet wurde, dürften sich dabei viererlei Typen tunterscheiden lassen. 1) Der synthetische Typus. Damit me.me ich solche Individuen, die in der jüdischen wie in der Kultur ihres Wohnlärmes ungefähr gleich stark wurzeln, derart, dass die beiden Kulturelcmcnte zu einer organischen Einheit in ihnen verschmolzen sind; und die zugleich oder abwechselnd in der judischen und in der Landeskultur sich auswirken. Solche Persönlichkeiten gab es nicht wenig unter den spanischen Juden im Mittelalter, im neueren Deutschland fand der „synthetische Typus" wohl seine bekannteste Verkörperung in Moses Mendelssohn, 2) Der Typus des Juden, bei dem das Leben und die Betätigung in der Landeskultur zwar überwiegt, jedoch das jüdische Kulturelement immerhin in einem sehr hohen Grade vorhanden ist, sodass es die ganze Persönlich keif »wesentlich mitbestimmt und ihre Wirksamkeit auch für die jüdische Kultur fruchtbar macht. Als Beispiel mag unter den Grossen etwa an Hermann Cohen oder Joseph Israels erinnert sein. 3) Der Typus, bei welchem sich das jüdische Kulturelement in geringerem Grade findet, aber noch Interesse und tätige Sympathie für die jüdische Kultur lebendig ist. 4) Der Typus des der jüdischen Kultur vöijig oder fast völlig Entfremdeten, der ihr untätig und gleichgiltig gegenübersteht. Die vier jüdischen Zukunftstypen der westlichen Diaspora biklen durchaus kein Novum. Wie die gewählten Beispiele zeigen, sind sie Schon heute und waren sie bisher in unserer Mitte vertreten. Aber ein Neues kann und muss uns die Zukunft bringen: während heute unter den deutschen Juden bei weitem' der 3. und 4. Typus vorherrscht, wird mit allen Kräften dahin zu wirken sein, dass von jetzt an, nachdem ein jüdisches Kulturzentrum zu entstehen beginnt, wenigstens der 2., -womöglich der 1. Typus, das Uebergewicht erhält Diese Forderung erscheint mir moralisch unanfechtbar, ihre Erfüllung kann uns in keiner Weise an unseren Pflichten gegenüber dem deutschen Kuiturkreis hindern, dem wir nach wie vor weiter mit angehören werden. Selbst beim 1. Typus handelt es sich ja um eine Verschmelzung bezc er Kulturelemente, um eine gleichzeitige oder abwechselnde Betätigung in beiden Kulturkreisen. Waren Mendelssohns „Jerusalem" und seine Eriieuerungsbestrebungen auf dem Gebiete der hebräischen Sprache moralisch unberechtigt? Oder war es die jüdische Wirksamkeit Cohens? Es mag etwas Absonderliches sein, zugleich zwei Kulturkreisen anzugehören. Jedoch wir haben das Galuth nicht künstlich geschaffen und können auch durch den allerdings notwendigen Aufbau Zions das volle „Kibbuz galujoth" Glicht bewerkstelligen. Unser ganzes Diasporasein ist eine Anomalie, eine Abweichung vorn Sein der anderen nationalen und religiösen Gemeinschaften. Wir haben uns damit abzufinden, und wir dürfen verlangen, dass die Völker der Welt desgleichen tun. _ (Forts, folgt)