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Neue jüdische Monatshefte · 1919-06-10 · Heft 17 (10.6.1919) · p. Seite 362

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 17 (10.6.1919)
Article
Fragen des Galuth
Date
1919-06-10
Page
Seite 362 (sequence 3)
Language
German
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360 des jüdischen Volkes, sondern als die einzigevStätte des Jjiderftums und der Judenheit. Jude heisst in Zukunft nur, wer in Palästina sein Vaterland hat und dessen Volks- und Umgangssprache ^ebräisch ist. Das nichthebräische Diasporajüdentum stirbt ab. Bis jedoch der Aufbau Zions vollendet oder zu einer hinreichenden Höhe gediehen ist, muss das Diaspora Judentum notwendig erhalten bleiben. Es bildet trotz der Schattenfoaftigkeit seines Daseins, das keinen Selbstzweck besitzt, immerhin das nationale Reservoir, auf das Palästina im Zustande des Werdens angewiesen ist. Die Ruine muss geschützt werden, bis sich der Neubau bewohnen lässt. Während der Uebergangszeit gilt es, alle Kulturgüter des jüdischen Volkes, darunter sogar Bagatellen* zu erhalten und zu pflegen. Das Religionsgesetz muss auch für Nichtreligiöse nationale Sanktion und Verpflichtungskraft erlangen; Hebräisch, ebenso wo es Umgangssprache ist, „Jiddisch" muss unsere Sprache sein. Natürlich bedeutet dies eine Absage an die herrschende Landeskultur. Sie wird nachdrücklich verlangt. Hatten wir in der deutschen Kultur seither Wurzel gefasst, so müssen wir sie wieder ausgraben. Es darf für uns nur jüdische Kultur geben, wir müssen uns völlig fremd machen in der Kultur unseres Wohnlandes und unsere Fremdheit stark betonen. Alle Nachteile politischer, sozialer und sonstiger Art, die uns selbstverständlich daraus erwachsen, haben wir gelassen zu tragen. Die ungeheure Schwierigkeit, solche Forderungen durchzuführen, wird keineswegs verkannt. Aber es geht nicht anders. Ein starkes Geschlecht ist nötig, eine Elite des Volkes — moderne „Kannaim", Fanatiker.*) Jude sein heisst im Galuth: Kämpfer und Märtyrer sein. Ungefähr den entgegengesetzten Standpunkt nimmt Prof. Carl Lewin ein.6) Die deutschen Juden sind wohl dem Blute, der Ali: und der Religion nach von der deutschen Bevölkerung verschieden, aber sie sind seit langem mit dem deutschen Volk durch gemeinsame historische, politische, soziale, kulturelle Entwicklung enge verknüpft. „Alle Kulturgüter, die Deutschland geschaffen hat, sie sind uns in Fleisch und Blut übergegangen", wir sind Kulturdeutsche geworden. Allerdings erfassen und pflegen wir die deutsche Kultur in unserer besonderen, durch unser jüdisches Blut letztlich bedingten Weise. Daran lässt sich nichts ändern und es ist auch gar nicht nötig. Wir dürfen stolz sein, dass die „jüdische Note" im Kulturleben der Völker auch darin nicht fehlt, wo wir keine eigene jüdische Kultur auf eigenem Boden schaffen können. Selbständige jüdische Kultur ist im Galuth schlechterdings unmöglich. Ebenso unmöglich ist sogar nur ein Primat des Judentums, d.h. der jüdischen Kultur, in der Diaspora. Dem Einfluss der hebräischen Vollkultur in Palästina auf die Diaspora judenheit wird stets die Kultur des Volkes, in dem wir leben, die Wage halten. Wir wollen also mit den Deutschen zusammenarbeiten an der geistigen und materiellen Förderung des Landes, das uns zur Heimat geworden ist. Andererseits freilich haben wir als 4) Man wird manchmal einigermassen an Forderungen und Bestre- bungen Nathan Birnbaums erinnert, die freilich — wenigstens bewusst — ganz anders motiviert sind. Vgl. Birnbaums Schrift „Gottes Volk". 6) Das Galuthproblem und der Zionismus. „Neue Jüd. Monatshefte". 3. Jahrg. Heft 9/12.

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