Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 16 (25.5.1919)
- Article
- Israels Stellung in der Kulturgeschichte des Altertums
- Date
- 1919-05-25
- Page
- Seite 345 (sequence 4)
- Language
- German
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A. a) Für die Bestandteile der hebräischen Kultur, die sie mit der Kultur verwandter Völker gemeinsam hat, liegt nach meinem Urteil kein« Art der Herkunft näher, als die Vererbung. Denn warum sollte ein Ast eines Völkerstammes nicht denselben Saft und dieselben organisierenden Triebe in sich aufgenommen haben, wie ein anderer Ast? Also z. B. die oben erwähnte Zusammenstimmung von hebräischer und babylonischer Poesie in dem sogenannten Parallelismus membrorum und im akzentuierenden Rhythmus wird man am richtigsten als gemeinsaimes Erbgut der beiden Völker ansehen. Das war sozusagen eine Sache des sich von Generation zu Generation vererbenden Talentes und Temperamentes. Ebenso natürlich war es, dass bei den babylonischen und b:ei den hebräischen Dichtern Responsorien eingestreut wurden. Also ist es unrichtig, «wfenn hei der Entdeckung dieses gemeinsamen Zuges an der Fortm der Dichtungen nun sofort von Nachahmung der babylonischen Art durch die Hebräer gesprochen wurde.26) Und wenn nun beide Kulturkreise ähnliche Erzählungen über die Urzeit, die Urväter der Menschheit und die grosse Flut, besitzen?. Welch'e Erklärung dieser Uebereinstimmung liegt näher, als dass da Nachklänge von Mythen und Sagen erschallen, weiche einst von den genieinsamen Stammvätern gebildet und fortgepflanzt worden sind? Auch für diese gemeinsamen Momente von hebräischer und z, B. babylonischer Kultur zfeigt also die Vererbungstheorie den aiachstiiegenden und darum natürlichsten Weg der Ableitung.27) S, 32, als die natürlichste gebilligt, indem er annimmt, dass die verschiedenen Erzählungen über „die Anfänge der Menschheitsgeschichte auf eine gemeinsame Ur Überlieferung zurückgehen." Für diese übereinstimmenden Bestandteile der hebräischen und einer andern semitischen Geisteswelt möchte ich deshalb schon nicht an die Erscheinung! der Paralielbildungen appellieren, die man von der (Spradigeschichte her kennt, wie denn z. B. die Verarmung des* Vokalisrnus, das Verhallen der Endungen, die Verwendung des Akkusativs als eines heuen Nominativs28) und die Ersetzung der Kasusendungen durch Präpositionen uns in der späteren Geschichte des indogermanischen Spr.ichstammes ebenso, wie in der dies semitischen, entgegentreten.29) Dsnn wenn ein Bestandteil einer Kultur, wie z. B. der Parallelismus inemhroru/ri oder eine Flutsage in den älteren Geschlechtern einer Völkerfamilie schon vorhanden gewesen sein kann, so existiert kein hinreichend begründeter 26) So sagt M. Jastrow, Die Religion Babyloniens und Assyrien?, Bd. I (1905), S*. 5, dass der responsorische Charakter mancher Psalmen, wie Psalm 118 usw., wohl „nachdem Muster babylonischer Psalmen" entstanden sei. 27) Diese von mir längst empfohlene Auffassung wird neuestens auch von ,SH 'Landersdorf er, Die sumerische Frage und die Bibel (XQ17), 23) Nicht aus ratio, sondern aus rationem ist das 3a ragiöne der Italiener entstanden; usw. 29) Beispiele aus dem Arabischen und den andern semitischen Sprechen findet man in meiner Historisch-komparativen Syntax des Hebräischer*. Seite 219 f.