Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 16 (25.5.1919)
- Article
- Die wirtschaftliche Zukunft der Ostjuden
- Date
- 1919-05-25
- Page
- Seite 338 (sequence 7)
- Language
- German
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336 Vom dürrem Felsenboden des Nordens streckt sich die weite Sandebene bis ins mittlere Russland' hinein. Auf diesem Sandboden wachsen Kiefertvvaldungen in wunderbarer Sdhdnhcit, und das Holz dieser Wälder ist das wichtigste Baumaterial, das Heizmaterial, das Material für Werkzeuge und] Geräte, &nd in grossen Massen geht es als grosses Ausfuhrgut auf den Sirfeien i^ach Süden und nach Westen ins reiche Ausland. Dieser Handel ist in Westrussland ganz In jüdischen Händen. Diesem Warenstrom kommt au? den grossen Strömen des Landes ein anderer entgegen, auf* den jetzt ganz Zentraleuropa hofft, das ist das Getreide. In die waldige Sandebene hinein reckt sich nämlich von Mittel- und Südrussland her das Reich der schwarzen Erde, das sich wie ein, langer Querstreifen durch Südrussland über die Ukraine bis zum südlichen Polen und in Auslaufern bis nach Oberschlesien hinzieht. Ein überaus fruchtbares Land, das die Kornkammer Europas seit vielen Jahren gewesen istvwid doch nicht entfernt den Nutzen uzä die Früchte getragen hat, deren es fähig wäre, wenn die politischen m$ die wirtschaftlichen Verhältnisse anders gewesen wären. Weit zurück in dier Kultur sitzt der russische Bauer des mittleren Russlands noch immer in seinem Dorf in unglaublicher Selbstgenügsamkeit — und erst recht jetzt, zur Zeit der Herrschaft der Bofediewiki, die das Land von der Stadt ziemlich hermetisch absperrten. Viel weiter zurück als etwa der deutsche Bauer vor 150 «Jofeen (kennt der russische »Bauer nur wenige Anlässe, bei denen er Geld braucht. Den wichtigsten bilden die Steuern; sie wurden ihm bisher in drückender Höhe abgenommen, und sie zwangen ihn schon von jeher, das Getreide zu verkaufen,, selbst dann, wenn er mit aller Sicherheit vorher seilen konnte,' dass die Ernte nicht ausreichen würde, und dass er im Frühjahr wieder neues Getreide gebrauchen würde. Es war eine alljährliche Erscheinung in Russland, dass Hungersnöte in reichen Gegenden ausbrachen, weil das Getreide vorher verkauft und verpfändet werden musste, um die Steuern zu zahieju - Dieses Getreide wurde früher aufgekauft und aufgestapelt von 6m Dörfhändlern, die keine Juden, aber grosse Wucherer gewesen sind. Sie lieferten an Pixjvinzgrosshäsidler, alte grosse Häuser, die meist zugleich Banklers der Umgegend war^n. Dann kam die Zeit der Eisenbahn und mit ihr erhöhten s;dh die Massen, die aus Mittel- und Süd russland abgefahren wurden, aber zugleich verschwand die Herrschaft der grosse» Kuller im Binnenland «und statt dessen kameine ungeheuere Zahl von Agenten, von Aufkäufern, von kleinen Maklern über das Land, die nun das Getreide zum grossen Teil für Südrussland aufkauften, und die es dort in den massenhaft utm Schwarze Meer sich reihenden Lagerhäusern zueEmmenstrfimen Heesen, den grossen Massen des Welthandels. Dieser Mandel lag wieder fast ausschliesslich in jüdischen Händen. Wie gross diese Massen gewesen sind, das kann man vielleicht besser als an allen Zahlen an einer kleinen Episode erkennen, die sich in den letzten Jahren am Arrosvschen Meer abwickelte. In einem internationalen Vertrage der rlür.d'ersdi'aftcn des Ostens und des Westens von Europa hatte man ausgc.::;acht, das die Getreidemassen nicht mehr als 3 o/o Schmutz und sonstigen sogenannten Besatz enthalten sollten. Wenn nun das Getreide etwa zu rein ankam, und das war in günstigen Jahren nicht selten der Fall, dann