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Neue jüdische Monatshefte · 1919-05-25 · Heft 16 (25.5.1919) · p. Seite 337

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 16 (25.5.1919)
Article
Die wirtschaftliche Zukunft der Ostjuden
Date
1919-05-25
Page
Seite 337 (sequence 6)
Language
German
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355 So bleibt den Ostjuden die Wanderungsmöglichkeit nach dem europaischen Westen und nach dem Osten. Und mit seltsamer Einmütigkeit erklären alle Parteien und Richtungen im Westen wie im Osten, dass den Ostjuden die Wandenmgsmöglichkcit nach dem Osten unendlich viel nützlicher wäre afs die nach dem' Westen'. Erörtern wir zunächst kurz die Frage der Ostjudeneinwanderung nach Westen." Das Gebiet des früheren österreichischen Staates, das selbst grosse Massen ostjüdischer Elemente beherbergt, die sich von Galizien und der Bukowina her langsam ftber den Donaustaat verbreiten, hat nicht die wirtschaftlichen Möglichkeiten grössere Massen von ihnen aufzunehmen. Deutschland hat an sich diese Möglichkeit, und ich halte es für eine schwere Verletzung der jüdischen Selbstachtung, wenn deutsche Juden eine. Ein- Wanderungsbeschränkung gerade gegenüber dem Ostjudentum fordern. Dennoch ist zu befürchten, dass die Politik der AbschHessling, wie sie vor dem Kriege geübt wurde, auch in den ersten Jahren nach dem Kriege wieder geübt werden wird.*) Aller Vermutung nach werden wir nämlich gerade in denjenigen Berufen, für welche die ostjüdischen Einwanderer in Frage kommen würden, im Kaufmanns- und Handwerkerberufe, selbst eine Ueberfüllung haben, und es ist schliesslich begreiflich, wenn Deutschland die Arbeitsplätze, d£e es dann zu vergeben haben wird, für seine heimkehrenden Krieger gerade in diesen Berufen freizuhalten streben wiret Ohnehin wird' nach dem Kriege das Feld von Handel und Gewerbe bei uns noch ziemlich lange eingeengt sein. Eben .deshalb richten die Ostjuden selber ihre Hoffnung auf Deutschland nur in letzter Linie. Mehr als je blicken nun die Ostjuden nach dem Osten. Afs die russische Revolution ausbrach, und mit ihr das den Juden feindliche Regime des weissen Zaren zusammenbrach, da klang es wie ein Jubelruf durchs weite Judenland. Nun schien auch für sie die Erlösung gekommen, nun schien der Osten geöffnet, die alten Schranken schienen zu fallen, und absehbare Möglichkeiten für eine neue Entwicklung des judischen Stammes winkten und lockten. An die Möglichkeit einer wirklichen staatlichen und wtrtschaftspolitisdhen Trennungvon Zentralrussland dachten die weitaus meisten im Ernste nicht. Vor ihnen lag scheinbar das russische Riesenreich offen. Dieses riesige Gebiet der Uebergänge, in dem unmittelbar nebeneinander die höchsten und niedrigsten Stufen menschlichen Wirtschaftsdaseins stehen und alle die vielgestaltigen Zwischenstufen in seltsamer Unvermitteltheit noch daneben. Wer die Zukunftsfragen des ostjüdischen Wirtschaftsiebens verstehen will, der muss v/enigstens einen Blick hinauswerfen in die wirtschaftlichen Seltsamkeiten und in die ungeheueren Möglichkeiten dieses wirtschaftlich stets mächtigen Ostreiches, das keine politische Entwicklung jemals wirklich zerreissen kann, schon um deswillen nicht, weil die Teile dieses gewaltigen Kolosses noch auf lange hinaus aufs engste aufeinander angewiesen sind. Regelmässig wie der Golfstrom* gingen uralte Warenströme Russlands ihren gleichmässigen Weg. Aber dazwischen« Waren immer wieder meu aufspringende Quellen, die zu neuen Strömungen, zu.[neuen Schöpfungen führten. Das Land selber enthält in seinem Boden schon die Quellen seiner künftigen grossen Entwicklung, *) Und sogar von der Revolutionsregierung sehr.stramm geübt wird. D. Reo.

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