Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 15 (10.5.1919)
- Article
- Schalom Asch
- Date
- 1919-05-10
- Page
- Seite 326 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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324. finden wir in den „Bildern des Ghetto" und in dem eigenartigen Idyll „Das Städtchen". Kein Roman im eigentlichen Sinne des Wortes, und doch auch fccäne Jose- Sammlung Von Skizzen ist dieses Buch, das realistisch durch und durch, einen Fortschritt in A s c h s Schaffen bedeutet. Asch v/iii das Oolus überwinden, der zermalmenden Heimatslosigkeit möchte er entrinnen, sich heimisch fühlen, sich verwurzeln im heimatlichen Boden. Nicht losgelöst, sondern geeint mit der Erde leben. Und sei sie auch, wie sie sei. An dieser Erde, an seiner Heimat, an dem väterlichen Städtchen hängt er mit ganzem Herzen. i Er liebt es, weil er es vielleicht verloren hat, sieht aber vielleicht hinter dem Städtchen, das in der für ihn nunmehr fremden Welt verkümmert, eine verheissene Stadt, mit goldenen Türmen und blauweissen Fahnen, in einem Lande, das trotz aller Ferne heimisch nahe dem Herzen steh! Auf dem Wege dahin mag er sich gerne des traulichen polnischjüdischen Städtchens entsinnen. ... ( Es ist «ine abgeschlossene Welt für sich, eine stille Welt. Behaglich fast füesst hier das- Leben der Juden dahin in Armut, Arbeit, Handeln, Heiraten, Disputieren, Beten, Sabbathheiligen und' Träumen. 5m Mittelpunkt steht das Beihaus. Aber nicht weit davon liegen Wiesen und Felder, wohin die Sehnsucht geht Ueber allem schwebt ein milder Glanz. Auch zu Hause ist's wie ein sanftes Leuchten. Da waltet die liebe Mutter, fromm, keusch, gottergeben und in den Kindern aufgehend. Beinahe ohne Aufregungen, ohne Abwechslung wickeln sich die Tage ab, Oder ists nur, weil Asch so sanfthelle Farben auf seiner Palette hat? Freilich, nicht immer ist eitel Friede hier. Audi dunkelschwere Stunden Jagern über dem Leben, ernste Tage voll Nebelgrau und Sorgen. "Es'hat auch Asch seine pessimistischen Anwandlungen. Wozu wäre er denn eiq Jude? Einmal kommen allerhand Leute mit Gebresten zum Wunderrabbi. Asch sieht über allem Staub gebreitet. Und ihm scheint, dass das jüdische «-Volk in einem Kasten voll zerrissener Blätter aus heiligen Büchern lebt, mit heiligem Staub bedeckt, und dass auf allem die jüdische Sehnsucht ruht. Ode? das Bethamidrasch, das alte schutzgewährende Bethaus, das verlässlidhe Grossväterchen unter den Judenhütten, wächst vor ihm zu einem Symbol des Judentums empor. Uralt ist das Bethamidrasch und baufällig, und einmal in der Nacht konsmt ein Sturm und am nächsten Tag sieht man, dass das alte schwarze Dadi zwischen die morschen vier Wände eingesunken war und dass die Hälfte einer Toranolie zwischen verfaulten Brettern lag. Melancholische Stimmungen jagen wie Wolken über den sonst so (heiteren Horizont dieses kindlich harmonischen Dichtergemütes. Sie ballen sidh zusammen, werden dunkel und dunkler, es fällt auf sie der Schlagsdiatien des Judenschicksals. Ewige Judennot nährt diese Düsterkeiten. D&3 frohe Kind der Erde wird aus5 seinem Heim gejagt. Vom Blute rot ist sein Weg. Und der Lärm vor ihm und wilde Rufe hinter ihm sim* seine jWegbegScite*. Ahasver darf nicht bleiben noch rasten, auch wo er siebt und an dem Boden hängt, als wäre seiner Väter Land. Müde und hr^nk kommt er in die fremde Gegend, wo man seine Sprache nicht versteht ' und ihn versöhnt.