Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Monatshefte · 1919-05-10 · Heft 15 (10.5.1919) · p. Seite 325

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 15 (10.5.1919)
Article
Schalom Asch
Date
1919-05-10
Page
Seite 325 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2908689-2908735-2908745-2911818--2452-2911847
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

323 er doch nicht verleugnen. Umf Lyrikerhände sirwS zu gehwach, efi« Drama zu zimmern. Nur einmal gelang1 ihm eine theatralische Wirkung zu erzielen im „Gott der Rache". Aber wie gesagt, die Wirkung war recn theatralisch, nicht tragisch. Es fehlt diesem Stuck die innere Notwendigkeit Alles, was sich da abspielt, ist mehr äusserlich ajngelegt und entbehrt der Wucht eines Schicksals. Es ist eher ein Unglück, um nicht zu sagen, Pech, wenn alles anders kommt, als es Schepschowitz herbeisehnt. Zum Schluss erst raTft er sich zu einer Handlung auf, wie wir sie in Schönherrs Sonnwendfeier bewundern konnten, wo die Tiroler Bäuerin nach dem Tode ihres Sohnes den Muttergottesaltar abräumt. Der enttäuschte Wirt Schepschowitz entfernt die Thora aus seinem sündigen Hause. Noch eine Szene wäre hervorzuheben': Die Mädchen im frühlingsregen, die sich den Staub der Sünde abspülen lassen. In der Jargon-Literatur — etwas hie Dagewesenes; alles übrige an dem Stück ist Mache. Jüdischer ist sein Drama „Messianische Zeiten". Im Hause des Grossvaters, der nach Palastina ziehen will, versammeln sieh die zahlreichen Kinder und Enkel aus aller Welt. Eine Verwirrung wie beim Turmbau zu Babel entsteht unter ihnen, weit jedes einer anderen Idee huldigt, einem anderen Ziele lebt. Lauter einsame Mens'chen. Eine Zustandsschiklerung ergibt aber kein Drama, auch wenn man sie mit mystischen Lichtern und Symbolen aufputzt. Ein Drains im eigentlichen Sinne des Wortes ist auch nicht „Sabbatai Zevi'*. Da ist Z a n g w i 11 s Erzählung von Sabbatai Zevi in den „Träumern des Ghetto" viel spannender und markiger. Auch Jakob Wassermanns Einleitung zu den „Juden von Zirndorf" verdient den Vorzug, denn sie trifft ßesser den Ton jener seltsamen "Zeit des unglaublichen 'Rausches, Ist packender und farbenprächtiger. Und doch muss man dem Drama von Asch die Palme reichen, wenn man aufc' das Spezifisch-Jüdische Gewicht legt. Schon um des alten Juden willen, der im Nachspiel auftritt, wird man dieser Dichtung nicht vergessen. Einen Stecken in der Hand, einen. Packen© auf dem Rücken, irrt er herum und fragt: „Habt ihr nicht vielleicht gesehen, habt ihr nicht gehört? Man hat gesagt, Messias ist gekommen, er hat die Juden aus allen Ländern der Verbannung um den Berg gesammelt.... Wer kann mir den Weg zum Berge hinauf zeigen, ich will in die Höhe zurm [Messias. Habt ihr nicht vielleicht gesehen?".... Und indessen war der erwartete Messias in sich zusammengesunken, der falsche Messias Sabbatai Zevi. Doch was verschiägts diesem alten1 Juden? Er glaubt weiter. Und ob der wahre Messias auch lange nodi säumen und zögern mag, er, der Gläubige, wartet doch und harrt Tag für Tag, dass Messias komme. Diesem schon in den Psahnen eingebetteten Gefühl des Gottvertrauens verhalf Asch hier zur Auferstehung. Darüber mag man vergessen, dass er dem eigentlichen Helden dieses Dramas kein wirkliches Leben einzuhauchen vermochte. Nicht als Werdenden führt er S&bbatai vor; sondern als Gewordenen. Und einer, der sich kampflos bereits für den berufenen Erlöser halt, wirkt eher grotesk als tragisch. Aus dem Gesagten ist zu ersehen, dass Asch kein Gestalter ist. Er ist vielleicht auch kein grosser Künstler, nur ein Dichter. Den Pachter

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.