Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 15 (10.5.1919)
- Article
- Probleme des modernen Judentums
- Date
- 1919-05-10
- Page
- Seite 313 (sequence 6)
- Language
- German
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31t dass das Massenleben einer _Natk)n nicht vom Inhalte, sondern von den Formen bestimmt wird, wobei der Verfasser unter Inhalt den Vorrat an allgemeinen Ideen, über den ein Volle verfügt, und unter Formen Sprache, Land, Staat usw. versteht. Im Unrechten ist er aber, wenn er seine Behauptungen auch auf das jüdische Volk ausdehnt, das bisher wenig- . stens in der Tat eine geistige Kultur aus seinem eigenen Inneren hervorbrachte. Hier ist es1 kein vages Schliessen, sondern ein sieht- und greifbares Band, das uns von den Ideen zu den Massen und von den Massen zu den Ideen führt. Und im übrigen:, Wenn der Verfasser das Hauptgewicht durchaus au? nationale Formen, wie Sprache, Land, Staat usw. legt, wozu das unbeversteifen auf das Hebräische, das doch bereits aufgehört hat, die vöfmit der Zeit irgend ein anderes Idiom als das Hebräische, sagen.wir Jidisch oder Arabisch zu seiner nationalen Sprache machen kann? Sprechen doch die jüdischen Massen in den Ländern des östlichen Europas und in Amerika jidisch, und drückt sich doch darin eine gewisse nationale Form aus. Wenn es dem Verfasser durchaus auf nationale Formen ankommt, so muss er konsequenterweise alle Formen anerkennen, die die Nation im Verlaufe der Zeit aus diesen; oder jenen wirtschaftlichen oder kulturellen Gründen einmal ausgearbeitet hat oder noch ausarbeiten v/ird. In dieser Beziehung ist die Nation gewiss souverän: nicht die Formen bestimmen das Volk, sondern das Volk bestimmt die Formen. Wozu also dieses Sichversteifen auf das Hebräische, das doch bereits aufgehört hat, die völkische Form für das Leben der jüdischen Volksmassen abzugeben? Noch mehr; wozu das unbedingte Festhalten an Palästina? Ist es nicht denkbar, dass das jüdische Volk sich irgend ein anderes Territorium für seinen Aufenthaltsort wählt? Kommt nicht dieses Festhalten am Hebräischen und an Palästina vielmehr daher, dass an der hebräischen Sprache und dem Lande der Väter etwas von dem Inhalte, den Ideen kleben geblieben ist? Wir empfehlen dem Verfasser darüber nachzudenken. Der dritte Punkt scheint uns V;och minder stichhaltig zu sein. Palastina wird uns kein Kriterium für das Judesein schaffen. Ein exaktes und absolutes Kriterium für das Nationale gibt es überhaupt nicht. Und was das inexakte und relative Kriterium für das Nationale an einer Volksgruppe anbetrifft, das wir zurzeit besitzen, so wird; es von der ganzen Geschichte der betreffenden Nation geliefert. Das Hebräischsprechen und das Wohnen in dem Lande der Väter werden keine wesentlichen Merkmale des Judeseins abgeben können; das Hebräischsprechen und das Wohnen Im Lande der Väter werden nicht imstande sein, mit jenem Niederschlage einer viertausendjährigen Kulturentwicklung zu wetteifern, der im Judentypus: der Diasporaländer seinen Ausdruck fand und noch bis auf den heutigen Tag findet. Ferner: wir glauben nicht an die dauernde Haltbarkeit eines Zustandes, in welchem genommen wird!, ohne dass man dafür etwas gibt Sollte sich Palästina in der Tat zu jenem Schmarotzer herausbilden, der alle Kulturwerte aus dem Gallith aufsaugt, ohne von sich aus seinerseits den Galuth kulturell zu bereichern, so würde es den moralischen Bankerott des palästinensischen Zentrums bedeuten. Palästina würde in hoffnungslose Abhängigkeit von dem Galuth geraten, denn man lebt geistig unter