Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 15 (10.5.1919)
- Article
- Probleme des modernen Judentums
- Date
- 1919-05-10
- Page
- Seite 312 (sequence 5)
- Language
- German
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310 ihrem eigenen völkischen Inneren nicht nur eine charakteristische Lebensweise, sondern auch eine nicht minder charakteristische Verhaltungsweise;zti den Fragen der Welt- und Lebensanschauung: herausgearbeitet hat. In dieser Hinsicht bleiben sogar die Hellenen hinter den Juden weit zurück, und-nur die alten Inder sind» es, die den Vergleich mit dem jüdischen Volke aushalten könnten. Die Philosophie der Hellenen bleibt in ihren Hauptzügcn ein Werk dieser oder jener einzelnen Geister, wiewohl zweifelsohne das ganze hellenische Volk an dieser Geistesarbeit in einem Masse teilnahm, wie es in unseren Zeiten kaum denkbar ist. Aber lässt sich denn behaupten, dass die Monumentalkistungen der hellenischen Spekulation zueinem Glaubensartikel' und zu einem Gegenstande der Verehrung für das ganze hellenische Volk wurden? Lässt sich denn behaupten, dass die Schöpfungen des hellenischen Geistes nicht nur eine Frucht rein individueller Inspiration, sondern auch das Produkt einer direkten kollektiven Beteiligung darstellen? Kann man denn auch nur von einem einzigen philosophischen System der alten Griechen sagen, dass es unmittelbar aus dem Schosse des Volkeshervorgegangen ist, und dass sich das ganze Voll: zu ihm bekannte? Nicht so das jüdische Volk. Sieht man von den . alten, Indern ab8 die in dem Punkte des kollektiven Schaffens4 grosse Aehn-; Mdceit mit dem Judentum aufweist, so v/ar das jüdische Volk das l einzige in der Geschichte, von dem man sagen kann, dass hier die Gesamtheit als solche, nicht etwa die Gesamtheit in der Gestalt ihrer einzelnen Vertreter, * sondern auch die ganz einfache, ungeschminkte und wr« verklauselierte Gesamtheit wie sie ist ein System der Welt- und Lebensanschauung schuf und sich 211 ihm bekannte. Die in diesem System niedergelegten Ideen können nimmermehr den Stempel ihres Ursprungs verlieren. Oder will etwa der Verfasser behaupten, dass der jüdische Messianismus in demselben Masse Gemeingut der Menschheit, wie beispielsweise die alt- Indische Lehre von der ewigen Wiederkunft geworden ist, dass ersteres nicht auf eine total anders gerichtete Gemüts Veranlagung und Geistesentwicklung als-die indische hinweist? Was den zweiten Punkt anbetrifft, so mag der Verfasser in Bezug auf die meisten Kulturvölker, und ganz insbesondere in Bezug auf die Kulturvölker des Abendlandes mit seinen Behauptungen im Rechte sein. 0k geistige Kultur dieser Völker ist kein unmittelbares Erzeugnis der Volksseele, die Massen nahmen an ihr in direkter Weise nicht den geringsten Anteil und blieben ihr so fern wie nur möglich. Hier haben wir es in der Tat mit Ideen zu tun, von denen kein Weg zu den Massen des Volkes führt und die in den meisten Fällen ein Produkt privater Eingebungen bilden. Oasst diese Ideen mit den Massen des Volkes irgendwie zusammenhänge müssen — darauf schliessen wir auf Grund einer jedenfalls zweifelhaften Hypothese, der nämlich, dass diese oder jene einzelnen Geister in ihren Gedankengängen 'und Emotionen das dumpfe v7eben .unzähliger Volksgenossen zum Ausdruck bringen. Es ist also nur ein Schluss aus einer recht unsicheren und schwankenden Prämisse, der v.m dse Behauptung gestattet, dass der innerhalb der sogenannten Kulturnationen angehäufte Ideenschatz mit seinen letzten Wurzein in den Tiefen dt3 Voiksgcmüts ankert. Hier trifft es schon zu, wenn der Verfasser sagt