Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 15 (10.5.1919)
- Article
- Probleme des modernen Judentums
- Date
- 1919-05-10
- Page
- Seite 310 (sequence 3)
- Language
- German
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303 fassung versenkt blieb, solange er In einem unzertrennlichen Zusammen niit dem Gesetzesbestimmungen und religiösen Riten lebte, bewahrte auch er eine gewisse nationale Physiognomie. Sobald aber der Versuch gemacht wurde, ihn aus der Verfassung herauszulösen, von der religiös-theokratischen 'Wurzel loszureißen , und v als eine Sache darzustellen, die ihren Wert an und für sich hat, verlor er seine Urwüchsigkeit und jeden Kontakt mit einem konkreten nationalen Sein, Das Judentum wurde zu einer ethischen Lehre, die ebensogut auf Juden, wie auf Chinesen pas^t. Mithin hat die abendländliche Judenheit aufgehört, jeden wesentlichen Unterschied zwischen sich und ihrer nichtjüdischen Umgebung zu empfinden. Von der Auffassung, dü3s das Judentum nur ein gewisses ethisches System darstellt und nichts weiter, erhielten die Assimilationstendenzen ihre stärksten Impulse. 15. Der nationale Charakter eines Volkes findet nur in den konkreten Lebensformen dieses Volkes, wie Sprache, Land, Staat usw. seinen Ausdrude Der Inbegriff dieser Formen konstituiert die nationale Alltagskultur dieses Volkes. Hingegen Ideen, die ein Volk erzeugt, sind ihrem Wesen (nach anational, oder wenn man will, international, und gehören der ganzen Menschheit an. III. Die Errichtung eines jüdisch-nationalen Zentrums in Palästina wird wesentlich dazu beatragen, die Assimilierung der ganzen übrigen judenheit in den Diasporaländern mit den umgebenden Wirtsvölkern zu erleichtern und zu begünstigen, ja; diese Errichtung wird im Laufe der Zeit die ganze übrige Judenheit in den Ländern der Diaspora einer restlosen und endgültigen Assimilation in die Arme treiben. Nicht nur werde die Judenheit. der Diasporaländer keine nationalbelebenden Impulse vom palästinischen Zentrum erhalten, sondern sie werde im Gegenteil durch dieses eine Abnahme an den ihr noch übrig gebliebenen nationalen Kräften solange erleiden, bis sie schliesslich an völliger nationaler Anämie zu Grunde* geht. Denn: 1) wurde bisher seit der Emanzipation das Aufgehen der Judenheit in den umgebenden Wirtsvölkern dadurch aufgehalten und erschwert, dass es bisher kein ausreichendes Kriterium für das Judentum gab, und die Assimilationstendenzen sich infolgedessen nicht in ihrer ganzen Reinheit äussern konnten. Wie sollte man das Judesein restlos von sich ■ablegen können, wenn man nicht wusste, worin dieses Judesein eigentlich besteht, und worin es sich ausdrückt? Die Umrisse der jüdisch-nationalem Physiognomie sind seit der Emanzipation so verschwommen und nebelhaft, das9 fast jeder Jude, der seine Absage an das Judentum nicht ostentativ zur Schau trägt, sich für berechtigt halten kann, als Jude zu gelten, trotzdem er mit dem Judentum nichts mehr Gemeinsames hat, und dass auch die Anderen, die Nichtjuden, sich für berechtigt halten können, einen derartigen Halb- oder Vierteljuden zum jüdischen Volke zu zählen. Es genügt schon ein klein wenig zu mauscheln. Nun werde es aber anders werden. Palästina, v/ird erst das Muster eines Volljuden liefern. An diesem Muster wird es zu erkennen sein, was Judescin und was Nichtjudesein bedeutet. Palästina wird uns jenen Hintergrund geben, an dem sich alles Nicht- Jüdische klar und deutlich abzeichnen wird. Denn Palästina wird unseinen reinen Judentypus zeitigen, der in seiner Physiognomie nunmehr unzweifelhafte nationale Züge aufweisen, und der uns ein bestimmtes Mass für