Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 15 (10.5.1919)
- Article
- Probleme des modernen Judentums
- Date
- 1919-05-10
- Page
- Seite 309 (sequence 2)
- Language
- German
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307 lichkcit mit der unerbittlichen Objektivität dfcs echten Forschers und zugleich mit der Leidenschaftlichkeit des Kampfers in ihrer ganzen Nacktheit vor die Augen dies Lesers führt und jeden Einzelnen vor das vm* vermeidliche Entweder-oder stellt. Die im Werke behandelten Hauptpunkte können folgendernsassen zwsammengefasst werden: I. Der Ideengehalt dies Judentums als solcher, will sagen der aus den kulturgeschichtlichen Traditionen des jüdischen Volkes herausdestüüerte geistige Kern als bestimmte Lehre und Lebensanschauung, ist seinem innerem Wesen nach universal, allgemein-menschlich und kosmopolitisch, stellt ein für alle Nationen und Menschheitsgruppen gleich passendes Abstraktem dar und besitzt demnach nicht die geringste nationale Bedeutung, nicht die geringste nationale Kraft. Die Herausschälung dieses ideellen Kerns aus den nationalen Formen des jüdischen Lebens im alten Heimatlande und in der Diaspora, eine Herausschälung, die unter dem gewaltigen Drucke der geistigen antireligiösen Bewegung im Abendlande zu dem Zwecke vorgenommen wurde, das Judentum als Lehre und Weltanschauung vom Untergange zu retten, hat ihrerseits mächtig dazu beigetragen, die abendländische Judenheit zu entnationalisieren um} für die umgebenden Wirtsvölker assimilierbar zu machen. Noch mehr: von solchen Bestrebungen hat erst die Assimilation ihren Ausgang genommen: „Die ersten Impulse der Assimi-■ lationsbewegung kamen nicht aus einem materialistisch gerichteten Streben, das, wie man gemeiniglich sagt, die jüdische Seele um das Linsengericht der Gleichberechtigung verhandeln wollte; sie kamen aus einer idealistisch bestimmten Gesinnung, die das Judentum nach Erschütterung seines religiösen, Grundesals eine Ideologie erhalten zu können glaubte/' Scharf zu unterscheiden sei dieser ideelle Kern von den theokratisdieu Gesetzesbestimmungen, unter denen die Diasporajudenheit vor der Epoche der ersten französischen Judenemanzipation lebte. Während diese Gesetzesbestimmungen einen durchweg nationalen Charakter tragen und eine völkische Physiognomie aufweisen, entbehrt der ideelle Kern in seiner Eigenschaft als Weit- und Lebensanschauung jedes nationalen Zuges, jeder nationalen Färbung und passt auf das eine Volk so gut wie aut das andere, Mit dem Augenblick, wo das Judentum aufhörte, eine bestimmte Normierung des alltaglichen Lebens' darzustellen und sich zu einer „sittlichen Idee", zu einer „ethischen Ue&rfc" verflüchtigte, verlor es jedes •nationalen Halt, jede nationale Bodenstindigkeit und wurde zu einem Allgemeingut der Menschheit.. Dass die Normierung des jüdischen Lebens innerhalb der Diasporajudenheit vor der Epoche der grossen französischen Revolution fast ausschliesslich unter religiösen Gesichtspunkten vor sich güig, dass das ganze Leben dieser Diasporajudenheit fast ausschliesslich unter dem Zeichen einer theokratischen Verfassung sich abwickelte — dieser Umstand ändert nicht im Geringsten daran, dass das jüdische Volk vor der Emanzipation rein national fühlte und dachte. Denn gerade darin fand der nationale Charakter der Diasporajudenheit vor der Emanzipation schien markantesten Ausdruck: In der Verfassung nämlich, in den Gesetzesvorschriften, in den religiösen Riten lag cbm das Nationale. Solange nun der Ideengehalt des1 Judentums in dieser Ver-