Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 14 (25.4.1919)
- Article
- Die Krise der Wiener Judenschaft
- Date
- 1919-04-25
- Page
- Seite 286 (sequence 6)
- Language
- German
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'284 besteht das Gros der Gemeinde' durchaus aus Fortschrittlern, wenigstens -ist amtlich diel Verwaltung der Gemeinde auf den Fortschritt eingerichtet, aber daneben besteht auch eine starke orthodoxe Partei, die, falls es auf die Seelenzahl und nicht auf die Steuerleistung ankäme, sogar ein Vorrecht in der Verwaltung für sich beanspruchen könnte. Aber die Gemeinde, wie gesagt, gehört der gemässigten Neologen, oder, sagen wir, liberalen Richtung an, und das schon eigentlich seit ihrem Bestände, dennvon rechtswegen besteht die Gemeinde erst von 1848 an. Von dieser Zeit an -aber wurde in Wien stets der fortschrittlich modernen Richtung gehuldigt; die Tempel wturden in modernem Stil gebaut (Almemor oben), deutsche Predigt und Chor eingeführt, Pijjutim abgeschafft, Gebete audi sonst gekürzt und geändert, kurz, dem Verharren im Alten gekündigt. Durcti das Wirken des Predigers N. Mannheimer und des Kantors'S. Sulz er, so sagten wir bereits, galt Wien sogar längere Zeit ab das Muster einer mit modernem geregelten Gottesdienste ausgestatteten Gemeinde. Prediger J e 11 i n e k leitete seine Gemeinde hernach in demselben Geiste. Allein, der letzte, so sehr verdiente, erst jüngst verstorbene Überrabbiner :M. Güdemann hatte in allen Gemeindeinstitutionen den konservativen Geist bevorzugt, was ihm auch als hohles Verdienst angerechnet wird, da er dadurch Reibungen und Spaltungen in der Gemeinde vermied. Das Resultat war aber dennoch, dass Wien um Dezennien zurück hinter all jenen Gemeinden bleibt, die langsam aber stetig sich im modernen Geiste fortentwickeln konnten. Vielen war und ist das nicht recht, und es hat sich jetzt eine Partei gebildet, hauptsächlich aus Intellektuellen bestehend, die einen Fortschritt im Sinne der historisch gemässigten Reform zu ihrer Devise machte. Wenn auch vorerst in Ruhe, so doch mit Entschiedenheit und mit dem Willen, durchzudringen, stellt diese Parte» eine Anzahl von Forderungen an die Gemeindeverwaltung, die derselben In diesen schweren Zeiten, die wir durchleben, nicht eben gelegen kommen. Die „Reformen" verlangen einen vom modernen Geiste getragenen Gottesdienst, zu welchem eine bessere Ordnung, Chorgesang, Orgel, Kürzung bzw. Beseitigung mancher Gebete gehört, v/ie auch eine fast völlige Umgestaltung des Religionsunterrichtes, der in unserer Stadt wirklich arg darniederliegt. Hauptpunkte d£r Forderungen haben wir hiermit bloss angegeben, 'nicht den ganzen Komplex derselben, der ein viel grösserer Ist und nicht ermangeln wird, die zuständigen Kreise an Arbeit zu gesnahnen. Eine gewisse Unruhe muss auch diese Strömung in die Reihen der Gemeindemitgüeder bringen, gerade jetzt, wo der neue Vorstand noch gar nicht in Sicht ist. Aber unseres Erachtens wird auch die „Reform- Bewegung" keine nachhaltige Krise mit sich bringen, denn die gekennzeichneten Forderungen müssten als massig und berechtigt angesehen werden, sind auch mit wenig Mühe und Kosten realisierbar, und keine , Verwaltung, die es mit ihren Aufgaben ernst meint, kann sich aur die Dauer ihrer Verwirklichung verschliessen. Ein ferneres Problem für Wien bedeutet die Ostjudenfrage, d. h. äiz Art und Weise, wie die vieler*, hier ansässigen polnischen, russischen und rumänischen innerhalb des Gemeindeverbandes aufgenommen und behandelt werden sollen. Diese Frage ist losgelöst . von der zionistischen