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Neue jüdische Monatshefte · 1919-04-25 · Heft 14 (25.4.1919) · p. Seite 287

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 14 (25.4.1919)
Article
Die Krise der Wiener Judenschaft
Date
1919-04-25
Page
Seite 287 (sequence 7)
Language
German
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285 Frage zu" behandeln, denn wjas hier die Verschiedenheit gegenüber den arideren Volksgenossen ausmacht, ist nicht eine Ansicht, Theorie oder Bestrebung, .sondern der Unterschied' in der Bitdung, wodurch es verwehrt wird, dass sich der ostjüdische Zuzügler ohne weiteres mit dem Gros der Gemeinde amalgamiere. Hierzu fehlen ihm alle Vorbedingungen im Punkte der Sprache, des Bildungsdrang'es und der religiösen Anschauungen. Dies muss den „polnischen" Juden zu Sorsderbestrebungen führen, die sich ausdrücken in seinen besonderen Bethäusern und „Schulen" — sit ivenia verbo — und seinen sonstigen Kulturbedürfnissen. Es ist klar, dass die Gemeinde diese Elemente nicht sich, selbst überlassen darf, sondern sich bestreben muss, sie an sich zu ziehen und mit sich «zu vereinigen. Da das Ganze nur ein Kulturproblem ist, ist auch hier die Aufgabe leicht zu bewältigen, vorausgesetzt, dass man unsere „Polnischen" zwar sich ."ausleben lässt, sie aber durch geeignete Institute nach und nach an die westliche Kultur gewöhnt, der sie ja nach ein paar Jahren ohnedies zustreben. Die schwerste Erschütterung aber steht unserer Gemeinde bevor durch die zu erwartende und früher oder später erfolgende Trennung von Kirche und Staat. Die Gemeinde, die dann fhre Steuerhoheit verliert, wird dadurch in finanzieller Beziehung in die schwerste Kalamität versetzt, d'ena schwer ist es anzunehmen, dass sich unsere Gtaubensbrüder zu einer freiwilligen Kultursteuer bequemen werden, oder aber dieselbe so und in der Höhe entrichten werden, wi^e sie die Gemeinde braucht. Zu befürchten ist ferner, dass der heute noch obligate Religionsunterricht, der, wenn er auch wenig taugt, immerhin, noch unsere Jugend in unserem Reihen zurückhält, hernach ganz entfallen wird, da die Gemeinde weder die Mittel haben wird, für ihn zu sorgen, noch die Eltern, Wenigsten^ einem grossen Teile nach, willens sein werden, ihre Kinder noch für das' Judentum erziehen zu lassen. Hic Rhodus, hic salta. Wlahrlich, ein schweres Problem! Doch, wir setzen unsere Zuversicht in die ewige Kraft des Judentums, die es ermöglichen wird, auch dieser Gefahr zu begegnen. Eine ßelehrung dafür, was in diesem Fall einzutreten hat, könnten wir daraus) schöpfen, dass ungefähr vor einem Jahrzehnt auch in Frankreich die Trennung von Staat und Kirche durchgeführt worden und die Juden es gleichwohl verstanden (haben, die Existenz ihrer Gemeinden und derer? Institutionen zu (sichern. Allein die französischen Verhältnisse sind für Oesterreich wenig massgebend, besonders auch darum, weil die Aufgaben einer ikompakten Judenschaft, wie sie in Oesterreich, d. i. eigentlich in Wien existiert, ganz anderer Art sind1 als die 'einer an Zahl so bedeutungslosen, wie sie Frankreich beherbergt. Bleibt nur als Beiehrung abzuwarten, wks die übrigen Konfessionen unternehmen werden. Aber auch da fahren wir schlecht, weil in Oesterreich z. B. die katholische Konfession, die fast einzig in Betracht kommt, so überaus mächtig und reich ist, dass sich das Judentum an ihr nicht messen darf, nicht messen kann. Nach all dem bleijbt es kaum fraglich, dass dieser Punkt wirklich' eine Krise bedeutet, und wir sprechen bloss die Hoffnung aus, dass sieb auch aus ihr wird ein Ausweg finden lassen.

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