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Neue jüdische Monatshefte · 1919-04-25 · Heft 14 (25.4.1919) · p. Seite 285

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1918-1919
Issue
Heft 14 (25.4.1919)
Article
Die Krise der Wiener Judenschaft
Date
1919-04-25
Page
Seite 285 (sequence 5)
Language
German
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283 Wegs Renegaten oder gar Verräter des; Judentums. Selbst der Name „Assimilanten" kommt ihnen nicht zu, denn wir Juden bewahren, stfron jals Gebot unserer Religion, unser Volkstum und gehen keineswegs „unter den Völkern" auf oder wollen wenigstens nicht aufgehen. Sind wir aber Assimilanten, weil wir die Sprache unserer Wirtsvölker reden und uns ihre Kultur aneignen, so waren es unsere Väter midi, uäid zwar schon seit zweitausend Jahren, von dem Momente an, da sie die hebräische Sprache aufgaben und unter Aramäern aramäisch, unter Griechen griechisch usw. redeten; die Weltgeschichte hat gezeigt, dass wenigstens dieser Zustand nicht ,zum Verderben des Judentums' geführt hat. Nehmen wir nun den anderen Fall, dass unsere Zionisten auf dem Boden unserer Gemeinde tatsächlich zur Herrschaft gelangen und das Gemeindeleben nach ihrem Geschmack einrichten werden. Musk es darum zum Umsturz des Bestehenden * kommen, muss alles ausser Rand und Banst geraten? Ich denke doch nicht. Die Zionisten l>etonen allerdings; nur die nationale Regeneration des Judentums und kümmern sich wenig unv das religiöse Leben desselben. Für die glaubenstreuen Juden liegt darin gewiss eine grosse Gefahr. Doch glaube ich, dass die Theorie hier vor der Macht der Verhältnisse halt machen wird. Oder ist es; glaubhaft, dass die Zionisten unsere Tempel schliessen, Rabbiner und Kantor bei Seite schieben, unsere Beamten entlassen, den Religionsunterricht unserer Kinder hemmen, unser religiöses Leben überhaupt schädlich beeinflussen werden? Können sie das, wollen sie das? Können sie auch nur einen von uns: zwingen, von der bisher befolgten Bahn des religiösen I^ebens abzuweichen? Das können sie ebensowenig, wie auch) nur einen von uns zwingen, nach Palästina auszuwandern)^ ' Es scheint uns, dass nun einmal das Leben der Diasporajuden sich so sehr in festen Bahnen bewegt, dass vorerst eine grössere Veränderung oder gar •Erschütterung' hierin nicht Platz greifen wird, nicht Platz greifen kann. Das sollte man sich doch in dem Kampfe mit dem Zionismus gesagt sein lassen; dieser Kampf soll eben weder verschärft noch stabilisiert werden, denn keine Partei, sofern sie nur emigermassen auf dem Boden des Judentums Stent, kann die ewigen Gesetze verschieben, auf die nun einmal das Leben des gegenwärtigen Judentums aufgebaut ist. Wir glauben, dass sich „Assimilanten" und Nationaljuden 'in "der Folge genau so miteinander vertragen werden, wie es Bisher Fortschrittler und Konservative getan haben. Man erinnere sich — die Zeit ist noch mscht lange her — wie heftig sich Orthodoxe und Neok>g;e im Schosse der einzelnen Gemeinden bekämpft haben; in vielen Fällen ist ja der Kampt bis auf den heutigen Tag noch nicht ausgefochten. Aber mit der Zeit haben beide Parteien gelernt, einen modus vivendi zu finden und sich mit einander zu vertragen. Die Aufgabe fällt nicht schwer, sobald sich b«ide Parteien vom Geiste des1 Judentums feiten lassen, und dass sie das tun, soll und darf nicht bezweifelt werden. So, denken wir uns, muss auch ein gemeinsames Vorgehen von „Assimilanten" und Nationaljuden möglich sein und stattfinden. Diese „Koalition" wäre nur ein Novum imd etwas .ungewöhnt; die Orthodoxen und Neologen haben den Weg des Zusammengehens seit hundert Jahren gefunden. In Wien platzt auch die Orthodoxie und Neologie aufeinander. Zwar

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