Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1918-1919
- Issue
- Heft 14 (25.4.1919)
- Article
- Die Krise der Wiener Judenschaft
- Date
- 1919-04-25
- Page
- Seite 284 (sequence 4)
- Language
- German
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282 melnde für den Zionismus zu. erobern, genau so, als ob wir in Krakau, Lemberg oder .Warschau wären, ein im Auge zu behaltender Fall, wie er sich bisher in keiner Qrossgemeuide Deutschlands, aber auch in London und New* .York nicht, Wo das polnische Element auch zahlenmässig überwiegt, ereignet föat. Doch gegenwärtig tobt der Kampf zwischen „Assimilanten" und „Nattonaljuden" noch fort und er droht, sehr hässliche Formen anzunehmen,.,.. Der Kampf soll bei den nächsten Kulturwahlen ausgetragen werden, und wie immer diese Wahlen ausfallen werden, werden sich zwei sehr starke Parteien' gegenüberstehen, die sich um die Führung der Gemeinde bewerben und dieselbe nach eigenen Prinzipien gestalten werden. Wenn wir uns auch nicht auf den Arzt hinausspielen wollen, der für alles ein Rezept hat, so scheint es uns dennoch, dass auch der Gegensatz zwrsdhen westlichen Juden und Zionisten keine Krise bedeutet, die zum Verderben führt. Sehen wir nun den Sachen gut auf den Grund, und vor allem, suchen wir in den Bezeichnungen zu distinguieren. Ich spreche nicht, wie oben, von Assimiianten und Nationaljuden, sondern von deutschen Juden und Zionisten; s*o gefasst, beschränkt sich der Gegensatz auf ein: Minimum, und das ist für die Sache ein grosser Gewinn. AU die vielen Tausende, die sich hier zur deutschen Nationalität bekennen, sind keine prinzipiellen Gegner des Zionismus, sofern unter diesem Worte die Liebe zu Zion, das Bestreben, das Land durch Juden zu kolonisieren, verstanden wird. In diesem Sinne gefasst, kann jeder rechtlich denkende Jude sich. zum Zionismus bekennen, denn die Liebe zu Zion und der Wunsch, im heiligen Lande Juden angesiedelt zu sehen, lebt in unserer aller Brust. Selbst diejenige .Formel, die dem Zionismus durch Th. Herzf gegeben wurde, dass nämfich in Palästina eine öffentlich rechtlich anerkannte Heimstätte für alle Juden, die sich dahin begeben wollen, geschaffen werde, können wir mit gutem Gewissen unterschreiben, denn wir alle sehen es ein, dass für unsere verfolgten Brüder — es kommen gegenwärtig hauptsächlich die polnischen Juden in Betracht — eine autonome Heimstätte sehr erwünscht sei. Ja, wir gehen einen Schritt weiter: selbst der Judenstaat, wie er jetzt angestrebt wird, ist uns ein sympathisches Gebilde und durchaus kein Gespenst. F#lls der Judenstaat realisiert wird* wovon wir theute noch die Umrisse nicht zu sehen vermögen, wird er auch nur ein Protektionskind irgendeiner westlichen Macht sein, wird also nach westlichen Formen regiert werden und, was für uns die Hauptsache, nur einen geringen Bruchteil unseres Volkes aufnehmen können. Die Judensiedelungen in den europäischen Staaten und anderwärts werden also nach wie vor bestellen, es wird alles so ziemlich beim alten bleiben, namentlich in dem Punkte, dass die „westliehen" Juden werden nicht anders tun können, als sidh zu den Nationen -— nicht bloss Staaten — bekennen, in deren Mitte sie wohnen. Hier eben trennen sich unsere Weg* von demjenigen Zionismus, der sich zum jüdischen Nationalismus durchgerungen Siat. Diese Phase kann, wenigstens vorläufig, ein gut Teil unseres"westlichen Judentums nicht mitmachen, ohne seine bürgerliche Existenz, seine politische Gleichberechtigung, seine Bedeutung im öffentlichen Leben zu gefährden. Diese Juden müssen verstanden, ihr Standpunkt gewürdigt werden, denn sie stützen nur ihr Leben und ihre Zukunft und sind keines-